Digitaler Euro: Was er bedeutet – und was er Ihnen (nicht) bringt

Der Digitale Euro steht im Fokus der Europäischen Zentralbank (EZB), mit dem Ziel, das Bezahlen im Euroraum zu revolutionieren. Doch was verbirgt sich hinter diesem Vorhaben, welche Vorteile und Nachteile sind zu erwarten und wie positioniert sich die deutsche Kreditwirtschaft dazu?

Meilensteine und aktuelle Entwicklungen

Nach einer eingehenden Analyse hat die EZB im Oktober 2023 entschieden, die Entwicklung des Digitalen Euro voranzutreiben. Ein wichtiger Schritt erfolgte Mitte Dezember 2025, als sich die EU-Finanzminister auf den Aufbau des digitalen Euro einigten, ein Ereignis, das von EU-Wirtschaftskommissar Valdis Dombrovskis als „wichtiger Meilenstein“ bezeichnet wurde. Die Zustimmung des EU-Parlaments wird für Mai 2026 erwartet, woraufhin Verhandlungen zwischen EU-Rat und EU-Parlament beginnen könnten. Eine finale Entscheidung über die Einführung steht jedoch erst nach Abschluss dieses Gesetzgebungsverfahrens an, was bedeutet, dass noch nichts endgültig beschlossen ist.

Kritik der Deutschen Kreditwirtschaft

Die Deutsche Kreditwirtschaft (DK), zu der auch die Sparkassen zählen, unterstützt grundsätzlich die Bestrebungen der EZB, lehnt den Digitalen Euro in seiner derzeit geplanten Form jedoch ab. Die DK argumentiert, dass der geplante Digitale Euro weder für Bürger noch für Unternehmen einen echten Nutzen bringt und stattdessen die Bemühungen der Sparkassen und Banken um europäische Zahlungssouveränität – die Unabhängigkeit von außereuropäischen Technologiekonzernen und Zahlungsanbietern – untergrabe. Stattdessen schaffe er eine „hochkomplexe Parallelwelt mit Milliardenkosten für die Kreditinstitute“, die auf 35 Milliarden Euro geschätzt werden. Die DK kritisiert, dass die EZB sich als Wettbewerber europäischer Banken und Sparkassen positioniere, indem sie eine zusätzliche Zahlungsinfrastruktur aufbaue, ohne eigene Markterfahrungen im Konsumentenbereich zu haben. Man sei der Meinung, Europa benötige mehr digitale Unabhängigkeit und stärkere eigene Instrumente wie das neue Echtzeit-Bezahlsystem Wero, anstatt neue Marktchancen für außereuropäische Zahlungsanbieter zu schaffen.

Weiterlesen >>  finanzen.net App: Ihr Tor zur Finanzwelt in Echtzeit

Ziele und Hintergründe des Digitalen Euro

Die Europäische Zentralbank sieht den Digitalen Euro als Ergänzung zum Bargeld, um künftig ein nahtloses Bezahlen im gesamten Euroraum zu ermöglichen – sei es online, im Geschäft oder grenzüberschreitend zwischen Privatpersonen. Weltweit arbeiten über 100 Zentralbanken, darunter auch China, an digitalen Zentralbankwährungen (CBDCs), um auf Entwicklungen wie Stablecoins und das Vordringen US-amerikanischer Anbieter wie Visa oder Apple zu reagieren und die europäische Souveränität zu sichern. Die EU-Kommission begründet die Notwendigkeit des Digitalen Euros damit, dass Bargeld allein den Anforderungen einer sich rasant digitalisierenden Wirtschaft nicht mehr gerecht werde.

Mythen und Fakten

Es kursieren bereits einige Mythen über den Digitalen Euro:

  • Keine Kryptowährung: Der Digitale Euro ist keine Kryptowährung wie Bitcoin und basiert voraussichtlich nicht auf einer öffentlichen Blockchain.
  • Geschwindigkeit: Zahlungen werden zwar schnell, aber nicht schneller als mit heutigen Echtzeit-Überweisungen (SEPA Instant Payments) abgewickelt.
  • Haltelimit: Ein potenzielles Haltelimit in der Wallet ist zwar im Gesetzesentwurf vorgesehen, die genaue Höhe ist aber noch nicht politisch entschieden.
  • Sicherheit: Wie jedes digitale Zahlungsmittel ist er nicht diebstahlsicher und kann Ziel von Cyberangriffen werden.
  • Keine automatischen Zahlungen: Er ist nicht für automatisierte Maschinenzahlungen (M2M-Payments) konzipiert.
  • Ergänzung bestehender Systeme: Er soll bestehende Zahlungsprozesse ergänzen und eine eng mit heutigen Verfahren verzahnte zusätzliche Infrastruktur aufbauen.
  • Einführungszeitraum: Eine Einführung für alle Bürger ist frühestens für 2029 realistisch.

Bargeld und Datenschutz

Entgegen mancher Befürchtungen wird das Bargeld nicht abgeschafft. Der Digitale Euro soll Bargeld lediglich ergänzen. Auch der Datenschutz spielt eine wichtige Rolle: Die Verarbeitung personenbezogener Daten soll auf das für die Funktion notwendige Maß beschränkt werden. Zahlungen mit dem Offline-Digitalen Euro sollen ähnlich privat sein wie Bargeldtransaktionen. Die EZB und nationalen Zentralbanken werden keine Zuordnung von Transaktionsdaten zu identifizierten oder identifizierbaren Nutzern vornehmen können. Zur Eindämmung von Geldwäsche bleiben jedoch Fragen zur Anonymität offen.

Weiterlesen >>  Beste Kryptowährung zum Kaufen: Top-Alternativen für 2025

Vorteile und Herausforderungen

Vorteile:

  • Souveränität: Stärkung der europäischen Eigenständigkeit und Berücksichtigung eigener Datenschutzvorstellungen.
  • Finanzielle Inklusion: Ermöglicht Menschen ohne Zugang zu etablierten Bankdienstleistungen die Teilnahme am Finanzsystem.

Herausforderungen:

  • Unklarer Mehrwert: Der konkrete Nutzen für Privatpersonen ist noch unklar, da ein neues paralleles Zahlverfahren aufgebaut wird.
  • Datenschutz und Privatsphäre: Potenzial für umfassende Datensammlung, was Schutzmechanismen erfordert.
  • Cybersicherheitsrisiken: Anfälligkeit für Cyberangriffe und Hacking, die robuste Sicherheitsmaßnahmen erfordern.
  • Abhängigkeit von technischer Infrastruktur: Hohe Kosten für eine neue, zuverlässige Infrastruktur, deren Ausfall zu erheblichen Beeinträchtigungen führen könnte.
  • Potenzielle finanzielle Instabilität: Mögliche Auswirkungen auf die bestehende Finanzinfrastruktur und Geschäftsmodelle von Banken.
  • Regulator als Marktteilnehmer: Ein potenzieller Interessenkonflikt, da die EZB sowohl Aufsichtsbehörde als auch Anbieter eines Zahlungsmittels wäre.

Technische Umsetzung: Kein Blockchain-Fokus für den Endverbraucher

Obwohl die genaue technische Umsetzung noch nicht feststeht, wird der Digitale Euro für den Massenmarkt (Retail) voraussichtlich nicht auf einer öffentlichen Blockchain basieren. In Bereichen wie dem Interbanken-Zahlungsverkehr (Wholesale Settlement) werden jedoch bereits Lösungen mit Distributed-Ledger-Technologie (DLT) und Blockchain-Komponenten getestet.

Einführungsprozess und Zeitplan

Die EZB startete das Projekt Digitaler Euro 2021. Ein Erlass durch den Europäischen Gesetzgeber ist Voraussetzung für die Einführung. Die EU-Kommission legte im Juni 2023 einen entsprechenden Verordnungsvorschlag vor, der derzeit im Gesetzgebungsverfahren zwischen EU-Parlament und Mitgliedsstaaten beraten wird. Parallel dazu entwickelt das Eurosystem Regelwerke und technische Vorgaben. Erst nach Verabschiedung der Verordnung kann der EZB-Rat final über die Ausgabe entscheiden und die Umsetzung beginnen. Daher wird mit einer Verfügbarkeit für Endkunden frühestens Ende der 2020er Jahre über Sparkassen, Banken und andere Finanzdienstleister gerechnet.

Wir beraten Sie gern zu allen wichtigen Finanzfragen und helfen Ihnen, Ihre Sparkasse vor Ort zu finden.

Häufige Fragen (FAQ)

  1. Was ist der Digitale Euro?
    Die EZB plant die Einführung eines Digitalen Euros als gesetzliches, elektronisches Zahlungsmittel, das ähnlich wie Bargeld kostenlos und überall im Euroraum nutzbar sein soll. Es wird in einer digitalen Geldbörse (Wallet) gespeichert, die beispielsweise bei der eigenen Bank oder Sparkasse eingerichtet werden kann. Jede Privatperson in den Euro-Ländern soll ein solches Konto nutzen können.
  2. Wann kommt der Digitale Euro?
    Die EZB kann mit der Umsetzung erst nach Inkrafttreten der Verordnung beginnen. Da der Gesetzgebungsprozess voraussichtlich nicht vor 2026 abgeschlossen sein wird, ist mit einer Einführung frühestens gegen Ende dieses Jahrzehnts zu rechnen.
  3. Wie kann man mit dem Digitalen Euro bezahlen?
    Man kann kostenlos und in Echtzeit im gesamten Euroraum bezahlen. Zahlungen im Geschäft, online und zwischen Privatpersonen sollen möglich sein. Geld kann direkt von Wallet zu Wallet gesendet werden, sowohl online als auch offline, ohne zwingende Internetverbindung.
  4. Welche Vorteile bringt der Digitale Euro?
    Er soll die Souveränität und eine unabhängige europäische Zahlungsverkehrsinfrastruktur stärken und Bürgern sowie Unternehmen sichere, wettbewerbsfähige Alternativen zu privaten Zahlungslösungen bieten. Zudem soll er ein Gegengewicht zu marktbeherrschenden US-amerikanischen Anbietern darstellen.
  5. Was ist der Unterschied zwischen digitalen Währungen und Kryptowährungen?
    Digitale Währungen sind rein elektronische Zahlungsmittel. Sie lassen sich in zwei Kategorien einteilen: Kryptowährungen (dezentral, z. B. Bitcoin) und digitale Zentralbankwährungen (CBDCs, von Zentralbanken herausgegeben und kontrolliert, z. B. der geplante Digitale Euro).
  6. Wie unterscheidet sich der Digitale Euro von Kryptowährungen?
    Der Digitale Euro ist zentralisiert (von der EZB kontrolliert), wertstabil, reguliert und ergänzt Bargeld, im Gegensatz zu vielen dezentralen, spekulativen und oft weniger regulierten Kryptowährungen. Er wird zudem nicht auf einer öffentlichen Blockchain basieren.
  7. Bleibt Bargeld bestehen?
    Ja, der Digitale Euro existiert parallel zum Euro-Bargeld und zu Girokontoguthaben. Bargeld wird nicht automatisch umgewandelt, und die Wahl der Zahlungsform liegt beim Nutzer.
Weiterlesen >>  Der Arbeitskreis Wirtschaft und Finanzen: Ökonomie im Wandel
Redakteur

Lars Borchert

Fachautor für Finanzen, Wirtschaft und Servicethemen