Die Geschichte der Menschheit ist geprägt von großen Denkern, deren Ideen Generationen beeinflusst haben. Doch wie Karl Popper einst bemerkte, sollten wir uns nicht blind auf diese Giganten verlassen, denn auch sie sind nicht frei von Fehlern. Dieses Buch wirft einen kritischen Blick auf die politische Philosophie und Geschichtsschreibung, von Platons idealisierter “Heiliger Philosophie” bis hin zu den Architekten von Kriegen, und beleuchtet dabei auch Strömungen wie den Marxismus und Hegels geschlossene Systeme. Poppers Analyse der kulturellen Entwicklung, die er in eine prä-griechische Stammesphase und eine zivilisierte griechische Phase unterteilt, betrachtet Platons Philosophie als einen Rückschritt in die Stammesgesellschaft und als Gegenreaktion auf die blühende Zivilisation der griechischen Stadtstaaten.
Popper kritisiert Platons Ideen als eine Gefahr für die Menschheit, wenn sie unreflektiert fortgeführt werden. Stattdessen plädiert er für eine “soziale Ingenieurskunst” auf gradueller Basis als Weg zur Reform von Gesellschaft und Politik. Er lehnt utopische Gesellschaftsgestaltungen ab, da diese versuchen, die gesamte Gesellschaft auf rationale Weise zu planen, was in der Realität oft zu unvorhersehbaren Ergebnissen führt. Stattdessen setzt Popper auf induktive und analytische Methoden, auf Synthese und Experimentieren, um soziale Phänomene zu verstehen und zu gestalten.
Ein zentraler Kritikpunkt Poppers an Platon ist dessen Gesellschafts- und Staatsverständnis, das er in Platons Werk “Politeia” (Der Staat) aufzeigt. Platon entwirft hier eine utopische Gesellschaftsordnung, die Popper als Vorläufer der Totalitarismen von Hegel und Marx sieht. Platons Ideen von der “Gerechtigkeit” und seiner “Idealen Stadt” werden von Popper hinterfragt, insbesondere im Hinblick auf die Stellung des Individuums, Freiheit und Gleichheit. Platons Vorstellung von der natürlichen Ungleichheit der Menschen, die zur Teilung in Herrscher und Beherrschte führt, sowie seine biologische oder organische Staatsauffassung werden von Popper als problematisch eingestuft. Er zitiert Platon: “Du bist dazu geschaffen worden, für das Ganze zu leben, und das Ganze ist nicht für dich geschaffen.”
Platons politische Ziele, so Popper, sind eng mit seiner Geschichtsauffassung verknüpft: Erstens die Flucht vor dem Heraklitischen Fluss der ständigen Veränderung und des sozialen Verfalls, zweitens die Errichtung einer idealen, fest gefügten Stadt und drittens die Überzeugung, dass das Ideal der “idealen Stadt” bereits in der Vergangenheit existierte. Je weiter wir in die Vergangenheit zurückgehen, desto perfekter erscheint die Welt. Die ideale Stadt ist somit ein Ursprung, ein erster Vater aller späteren Städte. Diese Auffassung überträgt sich auf Platons allgemeine Philosophie der Ideen.
Platons ideale Staatswesen, das sich durch seine Selbstgenügsamkeit auszeichnet, wird als ein vollkommenes Individuum betrachtet. Umgekehrt wird der einzelne Bürger als unvollkommene Kopie des Staates gesehen, was bedeutet, dass das Individuum dem Staat untergeordnet ist. Das Interesse des Staates bestimmt das Leben des Bürgers von der Wiege bis zum Grab. Dies widerspricht grundlegend Poppers Vorstellung von der Bedeutung des Individuums und der Freiheit.
Popper kritisiert auch Platons Ruf nach einer “offenen Gesellschaft” und die damit verbundenen Elemente der irrationalen und romantischen Verblendung. Er ist der Ansicht, dass Platons persönliche Vorlieben und Voreingenommenheit seine Einsichten geschärft haben, aber auch zu gefährlichen Schlussfolgerungen führten. Die autoritäre Neigung Platons und die Schwäche seiner Gerechtigkeitstheorie, die laut Popper die Prinzipien der humanitären Gerechtigkeit verletzt, werden hervorgehoben. Platons Gerechtigkeitstheorie sei nicht nur individualistisch feindlich gesinnt, sondern auch utilitaristisch im Sinne des kollektiven Nutzens, wobei das Staatsinteresse über allem steht. Karl Popper fasst zusammen: “Obwohl Platons soziale Diagnose gut war, erwies sich die von ihm empfohlene Heilung als schlimmer als das Übel, das er bekämpfen wollte.”
In der politischen Theorie Platons sieht Popper die Souveränitätstheorie als sowohl empirisch als auch logisch schwach an. Sein politisches Programm sei rein totalitär und basiere auf einer geschichtlichen Vorstellung. Sowohl Platon als auch Marx träumen von einer revolutionären, prophetischen Offenbarung, die die gesamte soziale Welt verändern wird. Diese Totalität und die strenge Radikalität der platonischen (und ebenso marxistischen) Ansätze hängen, so Popper, mit ihrer ästhetischen Neigung zusammen – dem Wunsch, eine Welt zu schaffen, die nicht nur ein wenig besser oder rationaler ist als unsere, sondern von aller Hässlichkeit befreit.
Einer von Poppers Hauptkritikpunkten an Platons Philosophie ist die Marginalisierung des Individuums und der individuellen Freiheit, die über allem stehen sollte – über dem Staat und allen kollektiven Strukturen. Popper fordert uns auf, mit der Rationalisierung der Angst aufzuhören.
Der Übergang von der geschlossenen zur offenen Gesellschaft wird als eine der tiefgreifendsten menschlichen Revolutionen beschrieben: das Denken, das von magischen Befürchtungen befreit ist. Diese Entwicklung weckte den kritischen und sinnlichen Verstand des Menschen, die Realität und die sich wandelnden sozialen Phänomene zu untersuchen und zu analysieren, frei von Dogmen. Sie schuf intellektuelle und klassenübergreifende Verwerfungen, die sozialen Spannungen infolge spürbarer sozialer Veränderungen hervorbrachten. Dies brachte das Individuum an den Rand des Zusammenbruchs und der Unterwerfung unter reaktionäre Strömungen. Es waren die ersten Anzeichen einer neuen Art von Angst, eines feinen Gefühls der Zivilisationsspannung, die aus dem Zusammenbruch der geschlossenen Gesellschaft resultierte. Dies ist der Weg zur Rationalität, zur Selbstfürsorge, zur Annahme von Verantwortung und zur Befreiung von unseren Unterdrückungen – für Sicherheit und Freiheit zugleich, für den Menschen. Menschlichkeit, Menschlichkeit, Menschlichkeit!

