Die moderne westliche Gesellschaft hat seit den 1970er Jahren einen fundamentalen Wandel durchgemacht. Die Ära der industriellen Moderne, geprägt von Standardisierung und dem Kollektiv, hat einer spätmodernen “Gesellschaft der Singularitäten” Platz gemacht. In dieser neuen Epoche rücken das Besondere und Einzigartige in den Mittelpunkt der Bewertungssysteme – eine Entwicklung, die sich in Wirtschaft, Technologie und Kultur widerspiegelt und tiefgreifende Konsequenzen für die gesellschaftliche Polarisierung hat.
Von der Gesellschaft der Gleichen zur Gesellschaft der Singularitäten
Die industrielle Moderne, die etwa von 1945 bis 1975 ihren Höhepunkt erreichte, war durch das Primat des Allgemeinen gekennzeichnet. Wirtschaftlich basierte sie auf Massenproduktion und Standardisierung, sozial auf einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft mit vergleichsweise homogenen Lebensformen und kulturellen Idealen wie Anpassung und Normalität. Politisch dominierte die Ausrichtung am “Allgemeinwohl” durch Volksparteien und staatliche Regulierung. Diese Zeit wird oft als “Gesellschaft der Gleichen” beschrieben, in der Gleichheit ein zentrales Ideal darstellte.
Seit den 1970er Jahren, und verstärkt seit den 1990ern, hat sich dieses Paradigma verschoben. Die spätmoderne Gesellschaft wird durch die Kriterien des Besonderen und Einzigartigen, des “Singulären”, geprägt. Dieser Wandel speist sich aus drei wesentlichen Ursachenbündeln:
- Kultureller und sozialstruktureller Wandel: Beeinflusst durch die Kulturrevolutionen um 1968, traten Werte wie Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung an die Stelle von sozialer Pflichterfüllung und Anpassung. Das postromantische Ideal der Entfaltung der eigenen Besonderheit wurde zum Leitbild, getragen von einer aufstrebenden neuen Mittelklasse aus Akademikern, die über den Lebensstandard hinaus nach Lebensqualität strebt.
- Ökonomischer Wandel: Die Industriegesellschaften wandelten sich zu postindustriellen Gesellschaften. Die Wertschöpfung verlagerte sich zunehmend in den Dienstleistungssektor. Dies führte zu einer enormen Differenzierung des Konsumangebots. Statt Massenkonsum treten nun symbolische Güter, Erlebnisse und mediale Formate in den Vordergrund. Die Ökonomie mutierte von einem industriellen zu einem kulturellen und kognitiven Kapitalismus, der nicht mehr auf Durchschnitt, sondern auf Exzellenz und individuelle Befriedigung abzielt.
- Technologischer Wandel: Die digitale Revolution, insbesondere das Internet und die sozialen Medien, wirkt stark singularisierend. Sie ermöglichen die gezielte Ansprache von Individuen und fördern einen Wettbewerb um Aufmerksamkeit, bei dem nur Differenz und Einzigartigkeit herausstechen. Statt einer allgemeinen Öffentlichkeit entstehen partikulare, sich selbst bestätigende mediale Communities.
Singularisierung in allen Lebensbereichen
Die spätmoderne Gesellschaft der Singularitäten ist durchdrungen von Prozessen der permanenten Produktion, Bewertung und Rezeption von Einzigartigkeiten. Dies geht über die bloße Individualisierung hinaus und beschreibt eine soziale Logik, in der das Interesse primär auf dem Singulären liegt.
Menschen werden als besondere Individuen singularisiert, sei es im Beruf, in persönlichen Beziehungen oder in den digitalen Medien. Ebenso werden Objekte – Waren, Bilder, Überzeugungen –, räumliche Einheiten als “besondere Orte”, zeitliche Einheiten als Events und Kollektive wie Regionen oder Glaubensgemeinschaften singularisiert. Im Gegensatz dazu verlieren jene Elemente an Anerkennung, die lediglich allgemeingültige Eigenschaften ausdrücken: Durchschnittsbürger, standardisierte Waren, austauschbare Orte oder routinisierte Zeitabläufe.
Die neue Mittelklasse, geprägt von hohem Bildungskapital, treibt diese Entwicklung maßgeblich voran. Sie verbindet bürgerliche Traditionen mit postromantischen Gegenkulturen und strebt nach einer Kulturalisierung aller Lebensbereiche. Politisch vertritt sie oft einen kosmopolitischen Liberalismus, der gesellschaftliche Öffnung betont.
Die Krise des Allgemeinen und gesellschaftliche Polarisierung
Die unaufhaltsame Singularisierung und Kulturalisierung des Sozialen in der Spätmoderne birgt unbeabsichtigte Folgen: Sie mündet in verschiedene Formen sozialer Polarisierung. Die Orientierung am Singulären schafft dynamische Gewinner- und Verliererkonstellationen, da nicht allen Subjekten, Objekten oder Orten die Eigenschaften des Wertvollen zugeschrieben werden können.
- Ökonomische Polarisierung: Auf den Märkten für kognitiv-kulturelle Güter dominieren “Winner-take-the-most”-Dynamiken. In der Arbeitswelt zeigt sich ein deutlicher Statusunterschied zwischen Hochqualifizierten der Wissensökonomie und Geringqualifizierten im einfachen Dienstleistungssektor.
- Soziale Polarisierung: An die Stelle der nivellierten Mittelstandsgesellschaft tritt eine Dreiklassen-Gesellschaft aus neuer Mittelklasse, alter Mittelklasse und prekärer Klasse. Während die neue Mittelklasse den Wandel trägt, sehen sich die traditionellen Schichten und die prekäre Klasse oft in einer defensiven Position.
- Räumliche Polarisierung: Es vollzieht sich eine Spaltung zwischen prosperierenden Metropolregionen, den Zentren des kognitiv-kulturellen Kapitalismus, und kleinstädtischen sowie ländlichen Regionen.
- Politische Polarisierung: Ein neuer Populismus, der auf kollektiver kultureller Identität basiert und sich an Bevölkerungsgruppen richtet, die sich vom Strukturwandel entwertet fühlen, tritt dem kosmopolitischen Liberalismus gegenüber.
Zusammenfassend lässt sich sagen: In einer Gesellschaft, die sich systematisch an Besonderheiten orientiert, entsteht unweigerlich eine Krise des Allgemeinen.
Literatur
- Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/M.
- Goodhart, David (2017): The Road to Somewhere. The Populist Revolt and the Future of Politics. London.
- Karpik, Lucien (2011): Mehr Wert. Die Ökonomie des Einzigartigen. Frankfurt/M. u. a.
- Kucklick, Christoph (2014): Die granulare Gesellschaft. Wie das Digitale unsere Gesellschaft auflöst. Berlin.
- Putnam, Robert (2015): Our Kids. The American Dream in Crisis. New York.
- Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin.
- Rosanvallon, Pierre (2013): Gesellschaft der Gleichen. Hamburg.
Zitation:
Reckwitz, Andreas (2019). Die Gesellschaft Der Singularitäten, in: Journal für politische Bildung 1/2019, 12-17.
Der Autor, Andreas Reckwitz, ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder und Träger des Leibniz-Preises. Seine Arbeiten beschäftigen sich intensiv mit gesellschaftlichen Strukturwandelprozessen.

