Die Idee, sich gesund zu ernähren und auf hochwertige, unverarbeitete Lebensmittel zu setzen, ist an sich löblich. Doch der Trend des „Clean Eating“, der in den letzten Jahren immer beliebter wurde, birgt auch Gefahren, insbesondere für junge Menschen. Ernährungsexperten warnen, dass eine extreme Auslegung dieser Diät zu gefährlichem Untergewicht und ernsthaften Essstörungen führen kann. Was als Streben nach Gesundheit beginnt, kann sich zu einer obsessiven Fixierung entwickeln, die das tägliche Leben beeinträchtigt und im schlimmsten Fall lebensbedrohlich wird.
Die Schattenseiten des „Clean Eating“
Der Trend zum „Clean Eating“ wird oft von Food-Bloggern und Influencern auf Social Media propagiert, die eine gesunde Lebensweise und den Verzehr von „reinen“ Lebensmitteln bewerben. Für anfällige junge Menschen, die nach Vorbildern suchen, können diese Botschaften verheerende Folgen haben. Rhiannon Lambert, eine registrierte Ernährungsberaterin aus London, berichtet von Fällen, in denen Jugendliche bereits im Alter von 12 Jahren extremen Ernährungsweisen folgten. Ihre Klienten entwickeln oft rigide Regeln, die über die reine Lebensmittelauswahl hinausgehen: Sie meiden bestimmte Orte zum Essen, trinken nur abgefülltes Wasser oder entwickeln eine übermäßige Sorge um die Herkunft ihrer Nahrung. Diese Verhaltensweisen schränken die soziale Teilhabe ein und können sich zu einer ausgewachsenen Obsession entwickeln. Lambert beobachtet, dass sich die Zahl der Klienten, die aufgrund von „Clean Eating“ zu ihr kommen, innerhalb eines Jahres verdoppelt hat.
Orthorexia Nervosa: Die Sucht nach „richtigem“ Essen
Die extreme Form des „Clean Eating“ wird von Experten als psychische Störung beschrieben, die als Orthorexie oder Orthorexia Nervosa bekannt ist. Der amerikanische Arzt Steven Bratman prägte diesen Begriff und beschreibt sie als eine „Fixierung auf rechthaberische Ernährung“. Bei Orthorexie geht es nicht primär um die Kalorienaufnahme, sondern um die Qualität und Reinheit der Lebensmittel. Betroffene entwickeln eine zwanghafte Auseinandersetzung mit ihrer Ernährung, die mit erheblichem psychischem Stress verbunden ist. Dies kann dazu führen, dass junge Menschen schlecht schlafen und sich den finanziellen und zeitlichen Aufwand, der für die Aufrechterhaltung einer solchen Lebensweise nötig ist, nicht leisten können.
Die Promotion von „Clean Eating“-Büchern und -Produkten durch oft unqualifizierte Personen kann gefährliche Ratschläge ohne wissenschaftliche Grundlage verbreiten. Beeindruckbare junge Menschen sehen diese Blogger als Rollenmodelle und übernehmen deren Lebensstil, bis hin zur Überzeugung, dass sie beispielsweise vegan sein müssen, um erfolgreich zu sein.
Der Einfluss von Social Media und mangelnde Diagnose
Da Orthorexie derzeit keine offizielle klinische Diagnose ist, gibt es keine genauen Zahlen über die Betroffenen. Psychologen und Ernährungsberater berichten jedoch von einem deutlichen Anstieg, insbesondere bei jüngeren Klienten und Mädchen. Die Wohltätigkeitsorganisation Beat für Essstörungen hat ebenfalls eine Zunahme von Anrufen bei ihrer Hotline verzeichnet, die sich auf Probleme im Zusammenhang mit dem „Clean Eating“-Trend beziehen.
Ursula Philpot, eine Diätassistentin bei der British Dietetic Association, bestätigt, dass die Fixierung auf gesunde Ernährung in den letzten Jahren für gefährdete Personen häufig den Weg in Essstörungen geebnet hat. Sie nennt Social Media und den Aufstieg von Gesundheitsblogs als treibende Kräfte, räumt aber ein, dass es auch andere Auslöser geben könnte. Während Jungen traditionell weniger betroffen waren, steigt ihre Zahl mittlerweile an. Die Liste der als „schlecht“ eingestuften Lebensmittel hat sich verändert; Gluten und Milchprodukte stehen oft an erster Stelle. Stringente Regeln, wie die Sorge, einen Keks zu essen, können den Alltag dominieren.
Die Ursachen für Essstörungen sind vielfältig und komplex und umfassen biologische, soziale und umweltbedingte Faktoren. Die Entwicklung einer klaren klinischen Diagnose für Orthorexie könnte einen wichtigen Schritt zur Behandlung darstellen, da sie derzeit Verhaltensmerkmale sowohl mit Zwangsstörungen (OCD) als auch mit Anorexie teilt. Anorexie hat die höchste Sterblichkeitsrate aller psychischen Erkrankungen.
Weg aus der Obsession: Zurück zur Lebensfreude
Deanne Jade, Gründerin des National Centre for Eating Disorders, hat in den letzten fünf Jahren eine Verdopplung der Orthorexie-Fälle festgestellt. Sie beobachtet, dass viele junge Menschen fälschlicherweise glauben, eine „Clean Eating“-Diät sei die Lösung für Bulimie und Anorexie, was jedoch schnell zu einer Obsession werden kann. Der ständige Druck, gesund sein zu müssen, verstärkt sich durch die Fülle an widersprüchlichen Botschaften in den Medien, insbesondere in den sozialen Netzwerken. Viele derjenigen, die diese Ideen verbreiten, verfügen über unzureichendes Wissen in Ernährungsfragen.
Ein Weg aus der Essstörung bedeutet oft, die rigiden Vorstellungen über „Clean Eating“ zu lockern und eine entspanntere Haltung gegenüber dem Essen zu entwickeln. Die Wiedererlangung einer gesunden Beziehung zum Essen und zum eigenen Körper ist entscheidend, um die Lebensqualität zurückzugewinnen und die psychische Gesundheit zu fördern.

