Deutsch-deutsche Umweltpolitik: Eine vergleichende Analyse

Die Teilung Deutschlands im Kalten Krieg manifestierte sich nicht nur politisch und gesellschaftlich, sondern auch in der Art und Weise, wie die beiden deutschen Staaten mit ihrer Umwelt umgingen. Eine faszinierende, oft übersehene Dimension dieser Teilung sind die Umweltbeziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Anfang der 1970er Jahre beispielsweise wurden über die Hälfte der West-Berliner Abwässer in DDR-Kläranlagen gereinigt – ein Umstand, der aus der historischen Entwicklung und der Notwendigkeit gemeinsamer Infrastruktur resultierte, trotz ideologischer Gräben. Sophie Langes Dissertation “Umweltpolitik zwischen BRD und DDR” unternimmt den ambitionierten Versuch, die Entwicklung der Umweltpolitik in beiden deutschen Staaten zusammenzudenken und in Beziehung zueinander zu setzen. Lange vermeidet dabei, die DDR-Umweltgeschichte als reine Verfallsgeschichte darzustellen, der die Bundesrepublik als positives Gegenbeispiel gegenübersteht. Stattdessen analysiert sie die deutsch-deutschen Umweltbeziehungen anhand der Kategorien Interaktion, Motivation und Kommunikation, wobei sie sich bewusst von den Deutungsmustern des Kalten Krieges löst.

Die Studie konzentriert sich insbesondere auf die bilateralen Umweltverhandlungen, die ab 1985 intensiviert wurden und 1987 in einer Umweltvereinbarung gipfelten. Lange beleuchtet dabei konkrete Problemfelder wie die Versalzung der Werra durch Kali-Abbau, Luftverschmutzung und die Mülldeponie Schönberg. Diese Themen sind zwar bereits in früheren Studien behandelt worden, doch Lange gelingt es, sie breiter zu kontextualisieren und neue Perspektiven zu eröffnen. Die Arbeit zeigt auf, wie sich die internationale Umweltdiplomatie im Laufe der Zeit wandelte: von einer primär außenpolitisch motivierten Gesprächsbasis in den 1970er Jahren hin zu einer innenpolitisch getriebenen Agenda in den 1980ern, als die wachsende Umweltbewegung konkrete Lösungen einforderte. Die Bundesrepublik sendete dabei widersprüchliche Signale aus, bedingt durch ihre föderale Struktur. Während beispielsweise Bayern auf eine pragmatische Finanzierung von Kläranlagen in der DDR drängte, um eigene Umweltbelastungen zu reduzieren, pochte die Bundesregierung auf das Verursacherprinzip.

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Ein wesentliches Verdienst von Langes Arbeit ist die Feststellung einer allmählichen Aufweichung von Prinzipien im Zeitverlauf. Für die DDR bedeutete dies beispielsweise eine Lockerung bezüglich der Einrichtung des Umweltbundesamtes in West-Berlin, deren Zustandekommen 1974 fast zum Abbruch aller Verhandlungen geführt hatte. Auch in der Grenzfrage der Elbe zeigte sich eine Flexibilisierung. Auf westdeutscher Seite wandelte sich im Zuge des Brundtland-Berichts 1987 das Verursacherprinzip hin zum Vorsorgeprinzip, was ein neues Verständnis internationaler Umweltzusammenarbeit widerspiegelte: Umwelttechnologie sollte bedürftigen Staaten zur Verfügung gestellt werden. Langes Analyse der drei Kategorien zeigt, dass sich zu einer Verlagerung der Motivation auf innenpolitische Fragestellungen und einer Zunahme (gerade nicht-staatlicher) Akteure eine Verdichtung der Interaktion und eine Versachlichung der Kommunikation gesellte. Der Austausch ideologischer Standpunkte zu Beginn von Verhandlungsrunden wurde zu einem bloßen Pflichtakt, der das Abarbeiten von Sachfragen nicht mehr grundsätzlich aufhalten konnte. Die Verhandlungen zeigten, dass trotz unterschiedlicher politischer Systeme und Ideologien eine Zusammenarbeit im Umweltbereich möglich und notwendig war.

Die Studie befasst sich auch mit der Frage, wer auf beiden Seiten an den Umweltverhandlungen teilnahm und welchen Handlungsspielraum diese Akteure hatten. Lange stellt fest, dass die Verhandlungen auf westdeutscher Seite primär von Juristen geführt wurden, während die DDR eher technische Experten entsandte. Sie wirft auch einen Blick auf die Person Hans Reichelt, den Umweltminister der DDR von 1974 bis 1990. Während einige Kritiker Reichelt als bloßen Apparatschik abtun, der die Umweltpolitik des Politbüros verwaltete, stützt Lange die Sichtweise, dass Reichelt als Machthaber innerhalb des sozialistischen Systems seinen innenpolitischen Spielraum nutzte, um die Umweltbedingungen zu verbessern und Schlimmeres zu verhindern. Damit berührt Lange zwei zentrale, noch weitgehend unbeantwortete Fragen: Welche Entfaltungsmöglichkeiten hatte ein ökologisch orientierter Umweltschutz in den planwirtschaftlich organisierten und repressiven Systemen des Ostblocks? Und inwieweit war die deutsch-deutsche Sonderkonstellation für den Zustand der ostdeutschen Umwelt förderlich oder nachteilig?

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Trotz des klugen Aufbaus und des überzeugenden Zugriffs verliert sich die Studie stellenweise in einer sehr hohen Detailtiefe und einer zersplitterten Argumentation, was die Verfolgung des Narrativs erschwert. Eine diszipliniertere Erzählweise hätte hier dem Leser geholfen. Ebenso ist die Bezeichnung von Maßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gegenüber Umweltaktivisten als “glimpflich” kritisch zu sehen, da dies verharmlosend wirken und das Leid der Betroffenen relativieren kann.

Insgesamt stellt Langes Studie einen bedeutenden Gewinn für die deutsch-deutsche Umweltgeschichtsschreibung dar. Sie treibt die vergleichende Perspektive voran und schafft eine hervorragende Grundlage für weitere vergleichende Forschungen zur Umweltgeschichte beider deutscher Staaten im Kontext ihrer jeweiligen Blöcke. Die Arbeit unterstreicht, dass Umweltprobleme keine nationalen Grenzen kennen und eine intensive deutsch-deutsche Zusammenarbeit im Umweltbereich unerlässlich war.

Anmerkungen:

[](#fna1) Tobias Huff: Natur und Industrie im Sozialismus. Eine Umweltgeschichte der DDR, Göttingen 2015; Christian Möller: Umwelt und Herrschaft in der DDR. Politik, Protest und die Grenzen der Partizipation in der Diktatur, Göttingen 2020; Martin Stief: “Stellt die Bürger ruhig”. Staatssicherheit und Umweltzerstörung im Chemierevier Halle-Bitterfeld, Göttingen 2019. [](#fna2) Vgl. Julia Ault: Saving Nature under Socialism. Transnational Environmentalism in East Germany, 1968-1990, Cambridge 2021; Astrid Eckert: West Germany and the Iron Curtain. Environment, Economy, and Culture in the Borderlands, New York 2019; Frank Uekötter: Ökologische Verflechtungen. Umrisse einer grünen Zeitgeschichte. in: Frank Bösch (Hg.): Geteilte Geschichte. Ost- und Westdeutschland 2000, Göttingen 2015, 117-152.