Kein Krieg in der Ukraine! – Ein Appell der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit

Als Fachgruppen der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) mit den Schwerpunkten Flucht, Migration, Rassismus- und Antisemitismuskritik sowie Internationale Soziale Arbeit, sehen wir uns in der Verpflichtung, ein klares Zeichen gegen den Krieg in der Ukraine zu setzen. Unsere tägliche Arbeit mit Menschen, die von Zwangsmigration, Gewalt und Ungerechtigkeit betroffen sind, bestärkt uns in der Überzeugung, dass Frieden und ein friedliches Zusammenleben die höchsten Güter sind. Dieses Positionspapier bekräftigt die Aussagen der International Federation of Social Work und der International Association of Schools of Social Work und steht entschieden an der Seite der Menschen in der Ukraine, die Opfer eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges sind. Mit tiefstem Entsetzen verfolgen wir die Zerstörung ziviler Infrastruktur und die Gefahren, die von den Kampfhandlungen rund um die Atomruine Tschernobyl ausgehen.

Wir verurteilen jede Form von Imperialismus, Stellvertreterkriegen und Nationalismus, die ein friedliches Miteinander in unserer globalisierten und diversen Welt unmöglich machen. Als Praktiker und Wissenschaftler der Sozialen Arbeit wissen wir um die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen und die langen, schmerzhaften Prozesse der Regeneration und Heilung, die nach Zerstörung notwendig sind.

Wir rufen daher alle russischen Amtsträger:innen auf, die militärischen Aktivitäten umgehend einzustellen und alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um den Frieden in der Ukraine wiederherzustellen und die Sicherheit aller Menschen dort zu gewährleisten. Unsere Solidarität gilt den Sozialarbeitenden und allen anderen Helfer:innen in der Ukraine und den angrenzenden Ländern, die dringend benötigte Nothilfe für die von Gewalt und Vertreibung Betroffenen leisten. Aus der Erfahrung anderer Krisen appellieren wir dringend an alle Akteure, die Bedingungen zu schaffen, unter denen lokale Sozialarbeitende, Forschende und Expert:innen vor Ort die notwendigen Hilfsmaßnahmen selbstbestimmt gestalten können, da sie die Gegebenheiten am besten kennen.

Weiterlesen >>  Die Gesellschaft der Gesellschaft: Einblicke in Niklas Luhmanns Systemtheorie

Die Europäische Union ist gefordert, politische Rahmenbedingungen und Ressourcen bereitzustellen, um Schutzsuchende mit einer offenen Haltung willkommen zu heißen. Menschen, die aus der Ukraine fliehen, müssen das Recht haben, ihr Zielland selbst zu wählen. Die deutsche Bundesregierung muss sich aktiv für die Bewegungsfreiheit innerhalb der EU einsetzen. Als deutsche Sozialarbeiter:innen aus Praxis und Forschung fordern wir die Bundesregierung auf, adäquate finanzielle Mittel für die Aufnahme von Schutzsuchenden bereitzustellen. Wir fordern zudem die Offenhaltung sicherer Fluchtwege und eine unbürokratische Einreise nach Deutschland mit einer gesicherten Bleibeperspektive. Sämtliche Handlungsspielräume, wie die Verlängerung des visumfreien Aufenthalts, die Möglichkeit eines Studiums oder die Familienzusammenführung, müssen ausgeschöpft werden, um Menschen einen unbürokratischen Aufenthalt zu ermöglichen.

Unsere Erfahrungen belegen, dass eine enge Zusammenarbeit mit den Communities und dezentrale Unterbringungsformen die effektivsten Wege sind, um geflohenen Menschen Sicherheit zu geben und ihnen die Kontrolle über ihr Leben zurückzugeben. Wir appellieren an die Regierung, den Schutzsuchenden aus der Ukraine umgehend Zugang zu Bildung, Gesundheitswesen, adäquatem Wohnraum und dem Arbeitsmarkt zu gewähren. Die in den letzten Jahren verfolgte restriktive Flüchtlingspolitik muss zurückgenommen werden – nicht nur für ukrainische Geflüchtete, sondern für alle Menschen, die in Deutschland Schutz suchen. Wir rufen unsere Netzwerke und Communities dazu auf, alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, Religion, die Zuflucht suchen, willkommen zu heißen und zu unterstützen. Dies gelingt am besten im Dialog und in einer Haltung von Partnerschaft und Solidarität. Gleichzeitig weisen wir jede Form von verallgemeinernden Ressentiments, Hass oder Diskriminierung gegenüber Menschen, die sich als Russ:innen identifizieren oder als solche wahrgenommen werden, entschieden zurück. Wir stehen ausdrücklich an der Seite der mutigen Menschen in Russland und weltweit, die Proteste initiieren und zivilen Ungehorsam leisten, um für Frieden einzutreten und sich gegen die militärische Aggression der russischen Regierung zu stellen.

Weiterlesen >>  Die Chinesische Hochkultur: Das Rätsel um den Untergang von Liangzhu

Wir stehen vereint mit allen Unterstützer:innen und Menschen, die sich grenzüberschreitend für Frieden und Gerechtigkeit engagieren. In Zeiten, in denen globale Kräfte versuchen zu spalten und zu polarisieren, streben wir als Sozialarbeiter:innen nach einer gemeinsamen Basis für den Kampf um Gerechtigkeit, Frieden und Solidarität. Wir besinnen uns auf die pazifistische Tradition und die Rolle, die unser Berufsstand in der internationalen Friedensbewegung und in der Verteidigung von Demokratie und Menschenrechten gespielt hat, gerade auch angesichts der Kriege, die wir in der Vergangenheit in Europa und darüber hinaus erlebt haben. Besonders wichtig ist uns die Solidarität mit all jenen, die mit der inhärenten Gewalt von Grenzen konfrontiert werden – in der Ukraine und darüber hinaus. Wir appellieren eindringlich an alle Verantwortlichen, alles Menschenmögliche zu tun, um Kriege und bewaffnete Konflikte überflüssig zu machen.

  1. Februar 2022
    Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA)
    Fachgruppen und Sektionen:
    Fachgruppe für Migration, Rassismuskritik und Antisemitismus
    Fachgruppe für Internationale Soziale Arbeit
    Sektion für Forschung
    Fachgruppe für Klimagerechtigkeit und sozialökologische Transformation
    Fachgruppe für Case Management in der Sozialen Arbeit
    Fachgruppe für Bewegung, Sport und Körper
    Fachgruppe für Ethik und Soziale Arbeit
    Fachgruppe für Soziale Arbeit und Digitalisierung
    Fachgruppe für Gender
    Sektion für Theorie und Wissenschaft
    Sektion für Klinische Sozialarbeit
    Sektion für Politik Sozialer Arbeit
    Fachgruppe für Promotionsförderung
    Fachgruppe netzwerkAGsozialearbeit
    Fachgruppe für Lehre
    Fachgruppe für Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s
    Fachgruppe für Adressat*innen, Nutzer*innen und (Nicht-)Nutzung Sozialer Arbeit
    Fachgruppe für Sozialwirtschaft
    Sektion für Gemeinwesenarbeit

Der Vorstand der Kommission Sozialpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE)
BAG Streetwork/ Mobile Jugendarbeit e.V.
Fakultät Soziale Arbeit Cuenca, Universität Castilla-La Mancha, Spanien
El Colegio de Trabajo Social de León, Spanien
Bundesarbeitsgemeinschaft der Praxisreferate an Hochschulen für Soziale Arbeit (BAG PRAX)
LAG Streetwork/ Mobile Jugendarbeit Saar e.V.
MAGs – Münchner Aktionswerkstatt Gesundheit
Deutscher Berufsverband für Soziale Arbeit e.V. (DBSH)

Weiterlesen >>  Die industrielle Gesellschaft und ihre Auswirkungen: Eine kritische Analyse

Weitere Fachgruppen der DGSA und andere Organisationen/Gruppen sind eingeladen, das Positionspapier zu unterzeichnen. Bitte kontaktieren Sie hierfür Petra Danková, Fachgruppe Internationale Soziale Arbeit und Co-Sprecherin der Fachgruppe Flucht, Migration, Rassismus- und Antisemitismuskritik (DGSA): petra.dankova@fhws.de.

Version 17.03.2022