Ibuprofen und COVID-19: Eine kritische Betrachtung der Warnungen

Die anfängliche Besorgnis bezüglich der Anwendung von Ibuprofen bei COVID-19-Symptomen, die im März 2020 von französischen Behörden geäußert wurde, basierte auf unbestätigten Berichten und theoretischen Überlegungen zum Angiotensin-Converting-Enzym (ACE)-2-Rezeptor. Diese Warnungen führten zu einem signifikanten Rückgang der Ibuprofen-Nutzung in Frankreich und veranlassten Gesundheitsorganisationen weltweit, ihre Empfehlungen zu überdenken. Eine eingehende Analyse der wissenschaftlichen Evidenz zeigt jedoch, dass die Bedenken hinsichtlich eines erhöhten Risikos durch Ibuprofen bei COVID-19 möglicherweise unbegründet waren und die anfänglichen Warnungen zu voreilig ausgesprochen wurden.

Die Ursprünge der Bedenken

Die französischen Behörden warnten vor Ibuprofen im Zusammenhang mit COVID-19 basierend auf mehreren Annционных Berichten und wissenschaftlichen Theorien. Eine Hauptsorge galt der möglichen Hochregulierung des ACE-2-Rezeptors durch Ibuprofen. Da SARS-CoV-2, das Virus, das COVID-19 verursacht, diesen Rezeptor nutzt, um in menschliche Zellen einzudringen, wurde befürchtet, dass eine erhöhte ACE-2-Expression den Eintritt des Virus und damit die Schwere der Erkrankung fördern könnte.

Zusätzlich wurden Parallelen zu bakteriellen Weichteilinfektionen gezogen, bei denen die Einnahme von nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) mit schwereren Verläufen in Verbindung gebracht wurde. Eine weitere Überlegung war, dass Fieber eine natürliche Abwehrreaktion des Körpers gegen Viren darstellt und die fiebersenkende Wirkung von Ibuprofen diese natürliche Abwehr beeinträchtigen könnte. Diese Argumente führten dazu, dass die Europäische Arzneimittel-Agentur zur Vorsicht mahnte und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zunächst von der Verwendung von Ibuprofen abriet, später aber ihre Haltung änderte. Auch die britische Medicines and Healthcare products Regulatory Agency (MHRA) ruderte nach anfänglicher Zurückhaltung zurück und stellte fest, dass es keine Beweise für ein erhöhtes Risiko durch die akute Einnahme von NSAR gibt. Die italienische Gesellschaft für Pharmakologie veröffentlichte ebenfalls eine Erklärung in diesem Sinne.

Weiterlesen >>  Mineralstoffe in Lebensmitteln: Ein umfassender Ratgeber für Ihre Gesundheit

Wissenschaftliche Evidenz und Gegenargumente

Die wissenschaftliche Grundlage für die Bedenken gegen Ibuprofen bei COVID-19 erwies sich als schwach. Die Hypothese, dass Ibuprofen den ACE-2-Rezeptor hochreguliert, stammte hauptsächlich aus einer einzigen Tierstudie an diabetischen Ratten, die keinen entsprechenden Beleg beim Menschen fand. Tatsächlich ist die Rolle der ACE-2-Hochregulierung bei der Entstehung oder Schwere von COVID-19 umstritten. Mehrere Studien zeigten keinen Einfluss der früheren Einnahme von ACE-Hemmern oder Angiotensin-Rezeptor-Blockern auf die Häufigkeit von COVID-19-Erkrankungen und empfahlen deren Fortführung. Einige Forscher vermuten sogar, dass eine ACE-2-Hochregulierung die Schwere der COVID-19-Infektion abmildern und sich positiv auf die Sterblichkeitsrate auswirken könnte.

Die Analogie zu bakteriellen Infektionen schien ebenfalls wenig relevant, da bei COVID-19 keine spezifische antivirale Behandlung existiert, deren Wirksamkeit durch die Maskierung früher Symptome beeinträchtigt werden könnte. Angesichts der Tatsache, dass COVID-19 manchmal zu einer überschießenden Immunreaktion (Zytokinsturm) führen kann, könnte eine immunsuppressive Wirkung von NSAR paradoxerweise sogar vorteilhaft sein, ähnlich wie bei der Anwendung von Kortikosteroiden. Die Sorge, dass fiebersenkende Mittel die natürliche Abwehr schwächen, würde gleichermaßen für alle fiebersenkenden Mittel gelten, einschließlich Paracetamol, dessen breite Anwendung in den frühen Phasen der Infektion nicht thematisiert wurde.

Mögliche negative Folgen der Warnungen

Die Warnungen vor Ibuprofen könnten unbeabsichtigte negative Folgen gehabt haben. Patienten, denen von Ibuprofen abgeraten wurde, griffen möglicherweise vermehrt zu Paracetamol, was bei unsachgemäßer Dosierung ein erhöhtes Risiko für Leberschäden birgt. Dies könnte durch die bei COVID-19 beobachteten Veränderungen der Leberfunktion weiter verschärft werden.

Fazit und Ausblick

Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keine wissenschaftlichen Daten, die ein erhöhtes Risiko für eine SARS-CoV-2-Infektion oder eine schwerere COVID-19-Erkrankung durch Ibuprofen belegen. Es ist daher angebracht, die potenziellen Risiken und Vorteile von Ibuprofen bei COVID-19 mittels gut konzipierter Studien zu untersuchen. Angesichts der aktuellen Umstände sind prospektive randomisierte Studien möglicherweise schwierig durchzuführen. Studien mit großen Datenbanken oder Krankenakten könnten zwar die chronische Einnahme von Medikamenten erfassen, jedoch nicht die kurzfristige Anwendung von rezeptfreien Mitteln wie Ibuprofen zur Symptomlinderung in den frühen Stadien von COVID-19. Es wäre ratsam, kohortenbasierte Fall-Kontroll-Studien in Betracht zu ziehen, um Fragen zur frühen symptomatischen Behandlung von COVID-19 zu untersuchen.

Weiterlesen >>  In 3 Wochen 15 kg abnehmen: Die Wahrheit über Turbo-Diäten

Die anfängliche öffentliche Gesundheitsentscheidung, die auf wenigen anekdotischen Berichten und wenig relevanten experimentellen Daten beruhte, hat möglicherweise Patienten den Zugang zu einem wirksamen Medikament zur Linderung von Schmerzen und Fieber verwehrt.