Der menschliche Körper ist ein komplexes System, in dem vielfältige Faktoren unseren Gesundheitszustand beeinflussen. Neben Lebensstil und Genetik spielen auch scheinbar nebensächliche Merkmale wie die Blutgruppe eine Rolle im Zusammenspiel mit Krankheitserregern. Aktuelle Forschungen deuten darauf hin, dass bestimmte Blutgruppen evolutionäre Vorteile im Kampf gegen Infektionen bieten könnten. Doch wie stark ist dieser Zusammenhang wirklich und welche Rolle spielt die Blutgruppe im Detail?
Der Einfluss von Blutgruppen auf Krankheitsverläufe
Antikörper gegen fremde Blutgruppen oder die Antigene, die unsere eigenen Blutgruppen definieren, könnten Menschen einen evolutionären Vorteil gegenüber bestimmten Krankheiten verschafft haben. Epidemiologen wie Dr. Jürgen May vom Bernhard-Nocht-Institut raten jedoch zur Vorsicht bei der Interpretation dieser Studien. “Diese Assoziationen sind rein statistischer Natur”, erklärt May. “Sie zeigen zwar, dass beispielsweise eine bestimmte Blutgruppe häufiger mit einem schweren Verlauf einer Infektion einhergeht. Das ist aber noch kein Beweis für einen kausalen Zusammenhang.” Das bedeutet, dass statistische Korrelationen allein nicht ausreichen, um die Blutgruppe als Ursache für den Verlauf einer Infektion zu identifizieren.
Das Beispiel Malaria: Ein evolutionärer Selektionsdruck
Die Malaria, verursacht durch den Parasiten Plasmodium, stellt ein wichtiges Beispiel für die Wechselwirkung zwischen Blutgruppen und Krankheitsverläufen dar. Insbesondere Plasmodium falciparum ist gefürchtet und wird durch Anopheles-Mücken übertragen. Die Parasiten befallen zunächst die Leber, bevor sie in die roten Blutkörperchen eindringen und sich dort stark vermehren, was zum Platzen der Zellen führt. Die zyklische Zerstörung der roten Blutkörperchen äußert sich in Fieberschüben.
Malaria hat die menschliche Evolution maßgeblich beeinflusst, da sie besonders Kinder betrifft. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass jährlich rund 600.000 Menschen an Malaria sterben, davon etwa drei Viertel Kinder unter fünf Jahren. Kinder, die an Malaria sterben, können sich nicht fortpflanzen, wodurch Faktoren, die ihre Überlebenschancen erhöhen, sich über Generationen hinweg durchsetzen.
In Malariagebieten haben sich über Jahrtausende genetische Veränderungen durchgesetzt, die zwar Nachteile mit sich bringen können, aber Schutz vor Malaria bieten. Ein Beispiel hierfür ist die Sichelzellanämie, eine Blutarmut, bei der rote Blutkörperchen deformiert sind. Schwere Formen können tödlich sein, aber in diesen veränderten roten Blutkörperchen können sich Malariaparasiten nicht gut vermehren.
Auch die Blutgruppe selbst scheint im Kampf gegen Malaria eine Rolle zu spielen. Mehrere Studien haben gezeigt, dass Kinder mit der Blutgruppe 0 ein geringeres Risiko für schwere Malariaverläufe aufweisen. Die genauen Mechanismen sind vielfältig. Einer davon ist die verminderte Bildung von sogenannten Rosetten. Bei schweren Malariainfektionen können sich mehrere rote Blutkörperchen aneinanderlagern und unter dem Mikroskop wie eine Rosette aussehen. Diese Rosettenbildung kann zu Entzündungen und Infarkten führen und tritt bei Patienten mit den Blutgruppen A, B und AB häufiger auf.
Blutgruppe 0 und die Vorteile bei Malaria
Eine Studie aus dem Jahr 2007, die zahlreiche klinische Berichte analysierte, bestätigte, dass die Blutgruppe 0 von Vorteil bei Malaria sein kann. Bemerkenswert ist, dass in Gebieten mit hoher Malariaprävalenz die Blutgruppe 0 überdurchschnittlich häufig vorkommt. So erreichen Menschen mit Blutgruppe 0 im Amazonasgebiet oder in Nigeria bis zu 90 Prozent der Bevölkerung, während in Europa, wo Malaria keine Rolle spielt, die Verteilung zwischen den Blutgruppen A und 0 ausgeglichener ist oder A sogar häufiger vorkommt.
“Bei Parasiten wie den Malariaparasiten, aber auch bei Viren und Bakterien, ist das Eindringen in die Zellen des Wirtes nie ein zufälliger Prozess”, erklärt May. “Die Erreger docken immer an ein bestimmtes Protein auf der Zelloberfläche, einen Rezeptor, an und dringen dann gezielt ein.” Jeder Erreger hat seine eigene Methode, um Zugang zu den Wirtszellen zu erhalten.
Im Fall von Plasmodium vivax, einem Malariaerreger, ist bekannt, dass er einen spezifischen Rezeptor benötigt, um in rote Blutkörperchen einzudringen. Dieser Rezeptor ist mit der sogenannten Duffy-Blutgruppe verbunden, die eine wichtige Rolle in der Transfusionsmedizin spielt. Fehlende Duffy-Rezeptoren, wie sie bei Westafrikanern häufig vorkommen, verhindern das Eindringen von Plasmodium vivax und erklären, warum diese Form der Malaria in diesen Regionen kaum auftritt.
Malaria ist nicht das einzige Beispiel
Es gibt weitere Parallelen zwischen Blutgruppen und Immunreaktionen auf Infektionen, die auf evolutionäre Vorteile hindeuten. Nicht immer ist Blutgruppe 0 der schützende Faktor.
Menschen mit der Blutgruppe 0, die an Cholera erkranken, können beispielsweise schwerere Verläufe erleiden als Menschen mit anderen Blutgruppen. Das Cholerabakterium Vibrio cholerae produziert ein Toxin, das an Rezeptoren der Darmschleimhaut bindet und zu starkem Durchfall führt. Die Antigene der Blutgruppen A, B und AB könnten die Bindung des Cholera-Toxins an diese Rezeptoren abschwächen und somit den Verlauf der Krankheit beeinflussen, was erklärt, warum Menschen mit Blutgruppe 0 anfälliger für schwere Verläufe sein können.
Hinweise auch für Corona
Auch im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gab es Studien, die den Einfluss von Blutgruppen auf den Krankheitsverlauf untersuchten. Eine Studie deutete darauf hin, dass Menschen mit der Blutgruppe A ein um 50 Prozent höheres Risiko für schwere COVID-19-Verläufe haben könnten.
Frühere Forschungen zum SARS-Ausbruch 2002/2003 zeigten, dass Personen mit Blutgruppe 0 teilweise resistent gegen die Erreger waren. Als möglicher Grund wurde angeführt, dass die Antikörper gegen die Blutgruppen A und B an einen Rezeptor andocken könnten, der für das Eindringen des Virus in Lungenzellen wichtig ist. Diese Beobachtung wurde in Zellkulturen bestätigt.
Nicht universell übertragbar
Der Ausbruch von SARS zeigte jedoch auch, dass hohe Antikörperspiegel erforderlich sind, um Resistenzen zu entwickeln. Diese Spiegel können individuell stark variieren und sind unter anderem von der geografischen Region abhängig. Studien aus Südostasien legten nahe, dass Menschen in industrialisierten Ländern wie Japan tendenziell niedrigere Antikörperspiegel aufweisen als Menschen in weniger entwickelten Ländern, wo höhere Konzentrationen gemessen wurden. Die Auswirkungen von Blutgruppen auf Krankheitsverläufe sind somit komplex und nicht einfach auf alle Individuen pauschal übertragbar.

