Wochenkrippen und Kinderwochenheime in der DDR: Eine Analyse der Betreuungsformen und ihrer Auswirkungen

Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) entwickelte ein umfassendes System der Kinderbetreuung, das darauf abzielte, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu gewährleisten und die Kindererziehung im Sinne des sozialistischen Staates zu gestalten. Ein zentraler Bestandteil dieses Systems waren Wochenkrippen und Kinderwochenheime. Diese Einrichtungen, in denen Kinder unter der Woche betreut wurden, waren insbesondere für berufstätige Eltern, Studierende und Schichtarbeiter von Bedeutung. Die vorliegende Analyse beleuchtet die Entstehung, den Umfang, die gesellschaftspolitischen Hintergründe sowie die pädagogischen und psychologischen Auswirkungen dieser Betreuungsformen.

Die besonderen Einrichtungen: Wochenkrippen und Kinderwochenheime

Wochenkrippen und Kinderwochenheime boten eine Betreuung, die über die reine Tagesbetreuung hinausging und die Kinder über Nacht und teilweise auch an Wochenenden in der Einrichtung einschloss. Diese Einrichtungen existierten von 1950 bis Anfang der 1990er Jahre und waren entweder eigenständig oder Teil größerer Kindertagesstätten. Die Betreuung in Wochenkrippen richtete sich primär an Kinder bis zum vollendeten dritten Lebensjahr, während Kinderwochenheime in der Regel Kinder ab dem dritten Lebensjahr bis zur Einschulung aufnahmen. Unterschiedliche Bezeichnungen wie Wochenkindergärten oder Wochenvollheime fanden Verwendung.

Die Vergabe von Plätzen in diesen Einrichtungen bevorzugte häufig alleinerziehende Mütter, Studierende oder Eltern, die im Schichtsystem arbeiteten. Typischerweise wurden die Kinder montags morgens abgegeben und freitags abends wieder abgeholt. Statistische Erhebungen aus der DDR-Zeit belegen jedoch, dass eine Betreuung auch an Wochenenden und Feiertagen stattfand, was die intensive Beanspruchung dieser Einrichtungen unterstreicht. Eine Mutter berichtete beispielsweise, dass die Aufnahme von Zwillingen in ein Wochenheim notwendig war, da nur ein Kindergartenplatz zur Verfügung stand.

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Umfang und Entwicklung der Wocheneinrichtungen

Zu Beginn der DDR, im Jahr 1950, machten die Plätze in Wochenkrippen 30 Prozent aller vorhandenen Krippenplätze aus, was 2.550 Plätzen entsprach. Bis 1989 sank dieser prozentuale Anteil auf 1,6 Prozent (4.800 Plätze), was auf den massiven Ausbau von Tageskrippen zurückzuführen ist. Dennoch hatte sich die absolute Zahl der Plätze in Wochenkrippen nahezu verdoppelt. Die Kapazitäten schwankten über die Jahre erheblich: 1966 gab es 744 Wochenkrippen mit einer Gesamtkapazität von 39.124 Plätzen, während 1980 nur noch 330 Einrichtungen mit 17.655 Plätzen erfasst wurden. Konfessionelle Einrichtungen wurden in den Statistiken nicht separat geführt.

Die genaue Anzahl der Kinder, die in diesen Einrichtungen betreut wurden, lässt sich nur schwer schätzen, da Wochenkrippen dem Ministerium für Gesundheitswesen und Kinderwochenheime dem Ministerium für Volksbildung unterstanden, was zu unterschiedlichen Erhebungsmodalitäten führte. Allein basierend auf den 1950er Zahlen könnte die Größenordnung der Plätze bis 1989 fast 100.000 betragen haben, wobei quantitative Steigerungen und die Plätze in Kinderwochenheimen hier noch unberücksichtigt sind.

Gesellschaftspolitische Triebfedern und Elternmotivation

Die Schaffung und der Ausbau von Wochenkrippen und Kinderwochenheimen in der DDR waren eng mit der gesellschaftspolitischen Zielsetzung des Staates verbunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag der Fokus auf dem Wiederaufbau und der Förderung der Gleichberechtigung von Mann und Frau, um die Arbeitskräftebasis zu stärken und die Bevölkerungszahl zu erhöhen. Die Kinder sollten frühzeitig zu sozialistischen Bürgern erzogen werden. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch ein flächendeckendes Netz an Betreuungsmöglichkeiten war hierfür unerlässlich. Gesetze wie das Mutter- und Kindesschutzgesetz von 1950 unterstrichen die Notwendigkeit, Frauen die Berufstätigkeit zu ermöglichen.

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Eltern entschieden sich aus verschiedenen Gründen für die Betreuung ihrer Kinder in Wocheneinrichtungen. Neben der Notwendigkeit, Geld zu verdienen, um den Lebensunterhalt zu sichern, spielten auch die tägliche Verpflegung, medizinische und hygienische Versorgung in den Einrichtungen eine Rolle, die nicht alle Familien zu Hause leisten konnten. Zudem wurde die Unterbringung in einer Wocheneinrichtung oft als geeignete Lösung für die Fortsetzung einer Ausbildung oder die Ausübung einer anspruchsvollen beruflichen Tätigkeit empfohlen. Gesetzlich verankerte Propaganda unterstützte zudem die neue Rolle der Frau in der Gesellschaft. Eine Mutter beschrieb, wie ihr das Studium und die finanzielle Unabhängigkeit durch die Möglichkeit, ihr Kind in eine Wochenkrippe zu geben, ermöglicht wurden.

Pädagogischer Bezug und Betreuungskonzept

Die pädagogische Arbeit in den Kindereinrichtungen der DDR war durch zentrale Bestimmungen und Erziehungspläne geregelt. Diese Richtlinien, die von den sowjetischen Pädagogiktraditionen beeinflusst waren, umfassten Themen wie Hygiene, Gesundheitsschutz und die Erziehung zu sozialistischen Persönlichkeiten. Ein besonderer Fokus lag auf der Förderung der Selbstständigkeit der Kinder und ihrer Beteiligung am Leben im Kinderkollektiv. Die Erziehungspläne für Krippen und Kindergärten entwickelten sich über die Jahre weiter und spiegelten die ideologischen und pädagogischen Schwerpunkte der DDR wider.

Die exemplarische Tagesplanung für Wochenkrippen und Dauerheime aus dem Jahr 1956 zeigt, dass die Besonderheiten der jeweiligen Betreuungsform berücksichtigt wurden. Die Erziehungspläne betonten die Gesundheitsvorsorge und die Herausbildung sozialistischer Werte. Weniger Beachtung fanden jedoch Aspekte wie der Aufbau von Bindungen oder die emotionale Eingewöhnung der Kinder, was sich später als problematisch erweisen sollte.

Auswirkungen der Betreuung in Wocheneinrichtungen

Forschungen von Eva Schmidt-Kolmer in der DDR untersuchten die Entwicklung von Kindern in verschiedenen Betreuungsformen. Ihre Studien zwischen 1953 und 1973 zeigten, dass Kinder aus Wochenkrippen im Vergleich zu Kindern aus Tageskrippen Entwicklungsverzögerungen, insbesondere in den Bereichen Bewegung und Sprache, aufwiesen. Schmidt-Kolmer konstatierte, dass die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse allein nicht ausreicht; eine verlässliche Bindung zu mindestens einem Erwachsenen sei essenziell für eine normale Entwicklung. Sie empfahl daher, die Unterbringung in Wochenkrippen nur dann vorzunehmen, wenn eine tägliche Abholung des Kindes aufgrund von Schichtarbeit unmöglich sei.

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Obwohl die Ergebnisse dieser Studien zu einem Ausbau von Tageskrippen und Anpassungen in den Erziehungsplänen führten, stieg die Zahl der Wocheneinrichtungen weiter an. Spätere Studien zeigten zwar eine Verringerung des Entwicklungsrückstands, doch Kinder aus Wochenkrippen entwickelten sich weiterhin langsamer als ihre Altersgenossen in Tageskrippen. Interviews mit ehemaligen DDR-Bürgern, die in Wocheneinrichtungen aufwuchsen, offenbarten oft langfristige psychische Auswirkungen wie Verlustängste, Schuldgefühle und Schwierigkeiten im Beziehungsaufbau. Diese Erfahrungen verdeutlichen die tiefgreifenden Folgen mehrtägiger Trennungen von den Eltern für die kindliche Entwicklung und werfen wichtige Fragen für die heutige Kleinkindbetreuung auf.

Zitierweise: Ute Stary, Wochenkrippen und Kinderwochenheime in der DDR, in: Deutschland Archiv, 19.1.2018, Link: www.bpb.de/262920