Die moderne Gesellschaft erlebt eine Neubewertung der liberalen Künste, die das traditionsreiche Konzept der Bildung – ein prägendes Modell der Selbstkultivierung, verwurzelt in der deutschen Philosophie und Kultur des 18. und 19. Jahrhunderts – in Frage stellt. Dieses Buch untersucht die erkenntnistheoretischen Ursprünge und kulturellen Ausprägungen dieses zentralen Begriffs für das Streben nach Wissen in den Geisteswissenschaften. Durch ein interdisziplinäres Panorama wird die historische Entwicklung von Bildung beleuchtet und ihre anhaltende Relevanz in aktuellen Debatten über die Zukunft der Geisteswissenschaften aufgezeigt. Die Herausgeber fordern uns auf, die ursprüngliche Konzeption und Anwendung von Bildung im deutschen Kontext zu ergründen und ihre Bedeutung für die heutige humanistische Forschung neu zu bewerten.
Die Wurzeln des Konzepts Bildung
Das Konzept der Bildung ist tief in der deutschen Geistesgeschichte verwurzelt und repräsentiert einen umfassenden Prozess der persönlichen und intellektuellen Entwicklung. Es geht über bloße Wissensvermittlung hinaus und zielt auf die Formung des Charakters, die Verfeinerung des Urteilsvermögens und die Entwicklung eines tiefen Verständnisses der Welt ab. Die Wurzeln dieses Ideals lassen sich bis in die Aufklärung zurückverfolgen, wo die Betonung der Vernunft und der individuellen Autonomie die Grundlage für die Idee einer ganzheitlichen Selbstkultivierung legte. Philosophen wie Wilhelm von Humboldt spielten eine Schlüsselrolle bei der Ausgestaltung dieses Konzepts, indem sie Bildung als einen lebenslangen Prozess der Aneignung von Wissen, Kultur und moralischen Werten betrachteten, der zur Entfaltung des vollen menschlichen Potenzials führt.
Bildung im Wandel der Zeit
Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Bildung zu einem zentralen Ideal in der deutschen Gesellschaft, das sich in Bildungssystemen, literarischen Werken und kulturellen Praktiken widerspiegelte. Es war nicht nur ein akademisches Streben, sondern auch ein soziales und politisches Anliegen, das die Rolle des Individuums in der Gesellschaft und die Bedeutung einer gut gebildeten Bürgerschaft betonte. Mit dem Übergang ins 20. Jahrhundert und den Umwälzungen durch Kriege und gesellschaftliche Veränderungen musste sich auch das Konzept der Bildung anpassen. Neue Herausforderungen und Perspektiven, wie sie beispielsweise in der kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit oder der Reflexion über die Rolle der Geisteswissenschaften in einer sich wandelnden Welt zum Ausdruck kommen, prägten die weitere Entwicklung.
Die Zukunft der Geisteswissenschaften und Bildung
In einer Zeit, die oft von Pragmatismus und wirtschaftlichen Zwängen geprägt ist, steht die Bedeutung der Geisteswissenschaften und des Konzepts der Bildung erneut zur Debatte. Dieses Buch argumentiert, dass Bildung auch heute noch von entscheidender Bedeutung ist, um kritische Denkfähigkeiten zu fördern, Empathie zu entwickeln und ein tieferes Verständnis für die menschliche Erfahrung zu ermöglichen. Die Beiträge beleuchten, wie das klassische Ideal der Bildung neu interpretiert und auf aktuelle Kontexte angewendet werden kann, um die Relevanz der Geisteswissenschaften in der heutigen Welt zu stärken. Future progressive bildung kann hier als ein Beispiel für die ständige Weiterentwicklung von Lernkonzepten gesehen werden.
Fazit: Ein Plädoyer für lebenslange Selbstkultivierung
Die Auseinandersetzung mit den Ursprüngen und der Entwicklung von Bildung liefert wertvolle Einblicke in die deutsche Geisteskultur und bietet gleichzeitig eine Grundlage für die Neudefinition des Wertes der Geisteswissenschaften. Dieses Werk lädt dazu ein, die Bedeutung von Selbstkultivierung, kritischem Denken und einem tiefen kulturellen Verständnis neu zu schätzen. Es ist ein Aufruf, sich aktiv an der Gestaltung einer humanistischen Zukunft zu beteiligen und die transformative Kraft der Bildung in unserem Leben und unserer Gesellschaft zu erkennen. Entdecken Sie die Relevanz dieses historischen Konzepts für die Herausforderungen von heute und morgen.
Über die Herausgeber
Jennifer Ham ist Professorin für Germanistik und Geisteswissenschaften an der University of Wisconsin-Green Bay. Ihre Forschungsinteressen umfassen deutsche Literatur, Kultur und Sprache, mit Schwerpunkten auf Tierstudien, Nietzsche, Weiblichkeit, Kabarett, Frank Wedekind und deutschem Kino. Sie ist zudem Mitherausgeberin von Animal Acts: Configuring the Human in Western History.
Ulrich Kinzel ist Professor für deutsche Literatur an der Universität Kiel. Seine Forschung und Lehre konzentrieren sich auf die deutsche Literatur und Kultur des 17. bis 20. Jahrhunderts sowie auf vergleichende Literatur- und Kulturstudien. Er ist Autor von Ethische Projekte. Literatur und Selbstgestaltung im Kontext des Regierungsdenkens. Humboldt, Goethe, Stifter, Raabe und Herausgeber von London – Urban Space and Cultural Experience.
David Tse-chien Pan ist Professor für Europäische Sprachen und Studien an der University of California, Irvine, und Herausgeber von Telos. Er ist Autor von Primitive Renaissance: Rethinking German Expressionism und Sacrifice in the Modern World: On the Particularity and Generality of Nazi Myth.
Inhalt (Auswahl)
- Die epistemologischen Ursprünge von Bildung
- Bildung als kulturelles Ideal im 19. Jahrhundert
- Die Rolle von Bildung in der Debatte um die Geisteswissenschaften
- Aktuelle Perspektiven auf Selbstkultivierung und menschliche Entwicklung
- Die Relevanz von Bildung für das 21. Jahrhundert
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