Der 19. Mai 2001 – ein Datum, das sich für immer ins kollektive Gedächtnis der deutschen Fußballfans eingebrannt hat. An diesem Tag erlebte die Bundesliga ein Saisonfinale, das an Dramatik und Emotionen kaum zu überbieten war. Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die Meisterschaft zwischen dem FC Schalke 04 und dem FC Bayern München, das erst in der allerletzten Sekunde entschieden wurde und das Schicksal zweier traditionsreicher Vereine auf tragische Weise verband.
Der Ausgangspunkt: Ein Herzschlagfinale bahnt sich an
Nach einer langen und intensiven Saison standen sich im Titelkampf zwei Kontrahenten gegenüber, die unterschiedlicher nicht sein konnten, aber durch ein gemeinsames Ziel vereint waren: die deutsche Meisterschaft. Der FC Schalke 04, der “Kumpel- und Malocherclub” aus dem Ruhrgebiet, stand kurz vor dem größten Triumph seiner Geschichte. Nach Siegen über Stuttgart und dem Wissen um den Erfolg der Bayern gegen Kaiserslautern (2:1), lagen die Münchner drei Punkte vor den Königsblauen. Schalke hatte jedoch den Vorteil der besseren Tordifferenz (+28 zu +25). Ein Heimsieg gegen den Abstiegskandidaten Unterhaching war für Schalke daher Pflicht. Die Hoffnung lebte, dass der FC Bayern – drei Punkte vor Schalke und mit der Chance, die 17. Meisterschaft und den dritten Titel in Folge zu sichern – im Parallelspiel gegen den Hamburger SV stolpern würde.
Im ausverkauften Parkstadion in Gelsenkirchen, das nur ein Jahr später der modernen Veltins-Arena weichen sollte, versammelten sich rund 65.000 enthusiastische Schalker Fans, bereit, ihre Mannschaft zum Titel zu peitschen. Die Atmosphäre war elektrisierend, eine Mischung aus Vorfreude und Anspannung lag in der Luft. Währenddessen traf der FC Bayern in Hamburg auf einen hochmotivierten Gegner, dem bereits ein Punkt zur Meisterschaft reichen würde.
Ein Spiel voller Wendungen: Schalke im Glück, dann im Pech
Die Partie begann für Schalke unter dem erwarteten Druck denkbar ungünstig. Bereits in der dritten Minute brachte André Breitenreiter die Gäste aus Unterhaching mit 1:0 in Führung. Kurz darauf, in der 27. Minute, erhöhte Miroslaw Spizak auf 2:0 und ließ die Hoffnungen der Schalker Anhänger schwinden. Doch die “Königsblauen” zeigten Kampfgeist und Moral: Kurz vor der Halbzeitpause glichen Nico van Kerckhoven (44.) und Gerald Asamoah (45.) zum 2:2 aus und brachten das Stadion wieder zum Beben. Parallel dazu tat sich der FC Bayern in Hamburg schwer. Dank einer starken Leistung von Torwart Oliver Kahn blieb es zur Halbzeit 0:0.
Die zweite Halbzeit bot ein ähnliches Bild der Spannung und des Nervenkriegs. Jan Seifert brachte Unterhaching in der 69. Minute erneut in Führung (2:3) und stellte die Schalker Fans vor eine Zerreißprobe. Doch Schalke wäre nicht Schalke, wenn sie nicht erneut zurückgekämpft hätten. Mit einer schnellen Doppelpack, darunter ein sehenswerter Freistoß von Jörg Böhme, drehten die Gastgeber das Spiel und gingen mit 4:3 in Führung. In der 89. Minute erhöhte Ebbe Sand auf 5:3, und die Schalker Fans brachen in Jubel aus. Die Nachricht, dass Schalke auf dem besten Weg sei, Meister zu werden, verbreitete sich wie ein Lauffeuer.
Das Unfassbare geschieht: “Bayern-Dusel” in letzter Sekunde
Während in Gelsenkirchen bereits die Meisterschaft gefeiert wurde, passierte in Hamburg das, was die Bundesliga so einzigartig macht: das späte Drama. In der 90. Minute schlug Hamburgs Sergej Barbarez eine Flanke von Marek Heinz und köpfte zum 1:0 für den HSV ein. In diesem Moment, für wenige glorreiche Augenblicke, war der FC Schalke 04 Deutscher Meister. Die Jubelszenen im Gelsenkirchener Parkstadion waren unbeschreiblich.
Doch das Spiel in Hamburg war noch nicht vorbei. Schiedsrichter Dr. Markus Merk hatte vier Minuten Nachspielzeit angezeigt. Auf der Großleinwand im Parkstadion verfolgten die Fans die Ereignisse in Hamburg mit angehaltenem Atem. Und dann geschah das Undenkbare: Nach einem vermeintlich harmlosen Rückpass stand Bayern-Verteidiger Patrik Andersson am Strafraumrand. Stefan Effenberg legte den Ball kurz auf, und Andersson jagte ihn mit voller Wucht ins Netz. Das 2:1 für Bayern – in der letzten Sekunde der Nachspielzeit.
Die Emotionen schlugen wie eine Welle über alle Akteure hinweg. Während die Bayern-Spieler und ihre Fans ausgelassen feierten und Torwart Oliver Kahn die Meisterschale in die Höhe reckte, versank Gelsenkirchen in tiefer Trauer. Dieser Moment gilt als Geburtsstunde des Begriffs “Bayern-Dusel”, der bis heute scherzhaft oder neidisch für glückliche Siege der Münchner verwendet wird. Für die Schalker war es ein Stich ins Herz, der Traum von der ersten Meisterschaft zerplatzte auf brutalste Weise.
Der damalige Schalker Trainer Rudi Assauer beschrieb die Szene nach dem Spiel mit folgenden Worten: “Und wenn du dann siehst, wie die Jungs reinkommen, und sie weinen und umarmen dich, das ist grausam, das ist grausam, das ist grausam.” Dieses Finale zeigte auf erschütternde Weise, wie nah Freude und Verzweiflung im Fußball beieinander liegen können. Für Bayern München wurde dieser Moment zu einem Symbol ihrer legendären “Mia san Mia”-Mentalität. In Schalke hingegen, zumindest seit dem 19. Mai 2001, zweifelt man bis heute an der Existenz eines Fußballgotts, zumindest eines, das es mit den Königsblauen gut meint. Dieses Spiel bleibt unvergessen und ein ewiges Denkmal für eines der dramatischsten Saisonfinals in der Geschichte der Bundesliga.
