Die Bandkeramik: Pioniere der Landwirtschaft in Mitteleuropa

Die Jungsteinzeit (Neolithikum) markiert einen Wendepunkt in der menschlichen Zivilisation, und die Bandkeramik-Kultur spielt dabei eine herausragende Rolle. Zwischen etwa 7600 und 6300 v. Chr. begannen die Menschen im Nahen Osten, Pflanzen und Tiere zu domestizieren. Diese frühe landwirtschaftliche Revolution veränderte das Leben grundlegend, ermöglichte sesshafte Lebensweisen und förderte das Wachstum von Gemeinschaften.

Die Ausbreitung der Landwirtschaft

Die Einführung domestizierter Getreidesorten wie Emmer und Einkorn, ergänzt durch Hülsenfrüchte und Leinsamen, schuf ein neues Wirtschaftssystem, in dem die Menschen die Natur zu ihrem Vorteil nutzten. Parallel dazu wurden Nutztiere wie Schafe, Ziegen und Rinder domestiziert, die nicht nur Nahrung (Fleisch und Milch), sondern auch Wolle und Zugkraft lieferten. Diese landwirtschaftlichen Errungenschaften breiteten sich rasch aus. Bereits um 7000 v. Chr. erreichte die Landwirtschaft von Anatolien aus das heutige Griechenland. Eine bedeutende Expansion fand zwischen 5400 und 4900 v. Chr. statt, als die als Bandkeramik bekannten Bauern die ungarische Tiefebene besiedelten und sich weiter nach Slowakei, Böhmen, Österreich, Deutschland und Polen ausbreiteten, bevor sie schließlich die Benelux-Länder und Ostfrankreich erreichten. Diese Ausdehnung deutet auf eine bewusste Kolonisation durch Ackerbau treibende Völker hin, nicht nur auf eine passive Verbreitung von Wissen und Techniken.

Siedlungsweise und Landwirtschaft der Bandkeramik

Die Siedlungsgebiete der Bandkeramik erstrecken sich über Mitteleuropa, von der westlichen Ukraine bis nach Ostfrankreich und Belgien. Charakteristisch ist die Wahl von Standorten entlang von Flüssen und Bächen in den fruchtbaren Lössböden zentraler Beckenlandschaften. Die Siedlungen, oft als „Siedlungszellen“ bezeichnet, waren in der Regel durch größere Entfernungen voneinander getrennt. Die Felder der Bandkeramik-Bauern waren von Wäldern umgeben. Frühere Annahmen über Brandrodungsfeldbau wurden durch neuere Forschungen relativiert, die darauf hindeuten, dass die kleinen Felder gezielt in den fruchtbaren Zonen zwischen Aue und Wasserscheide angelegt wurden. Angebaut wurden Emmer und Einkorn, Erbsen, Linsen und Leinsamen, in einigen Regionen auch Gerste. Die verwendeten Getreide- und Tierarten hatten in Mitteleuropa keine wilden Pendants, was die Eigenständigkeit der landwirtschaftlichen Entwicklung unterstreicht.

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Die Viehzucht spielte ebenfalls eine wichtige Rolle, wobei Rinder – wahrscheinlich für die Milchwirtschaft – das dominierende Nutztier waren. Auch Schafe und Ziegen wurden gehalten. Die Jagd trug nur in geringem Maße zur Ernährung bei.

Materielle Kultur: Keramik und Werkzeuge

Die materielle Kultur der Bandkeramik ist über weite Gebiete hinweg, insbesondere in den frühen Phasen, auffallend einheitlich. Ein charakteristisches Merkmal ist die Keramik, bekannt als Linearbandkeramik (LBK). Diese Keramiktradition war neu in Europa. Die Gefäße, oft napfförmig, waren mit Ritzlinien, Strichen und Einstichen verziert. Die geschwungenen Ritzlinien wurden mit einem Griffel erzeugt. In späteren Phasen der Bandkeramik-Kultur wurden viele Töpfe mit Punkten oder Strichen dekoriert, die mit einem Kamm-Stempel in parallelen Reihen angebracht wurden. Große, grobwandige Gefäße wiesen oft Muster aus Fingernagelabdrücken auf.

Die Bandkeramik-Kultur gehört dem Neolithikum an, was eine starke Abhängigkeit von Steinwerkzeugen impliziert. Ihre Flinttechnologie unterschied sich deutlich von der lokaler Wildbeuterkulturen. Zu den geschlagenen Steinwerkzeugen gehörten Messer, Sichelklingen, Bohrer, Burins und Schaber. Zum Ernten des Getreides wurden Sichelklingen in gebogene Holzgriffe eingesetzt. Die Herstellung von Steinwerkzeugen war ein präziser Prozess, bei dem Steine in kulturell definierte Formen gebracht wurden. Dies erklärt die Wiederholung ähnlicher Werkzeugformen innerhalb einer Kultur.

Für die Werkzeugherstellung eigneten sich nur bestimmte Steinsorten, die sich vorhersagbar brechen ließen und eine scharfe Schneide ergaben. Hochwertiger Flint, oft über weite Strecken transportiert, sowie Obsidian, ein vulkanisches Glas mit extrem scharfen Kanten, das sogar noch größere Transportwege erforderte, wurden bevorzugt.

Neben dem Abschlagen von Stein wurde auch das Schleifen genutzt. Schleifwerkzeuge konnten aus Steinen gefertigt werden, die für das Abschlagen ungeeignet waren. Dazu gehören Beile und Meißel. Ein typisches Bandkeramik-Werkzeug war die Schuhleistenkeil, bei der eine geschliffene Meißelklinge an einem Griff befestigt wurde und ähnlich einem modernen Hobel Holzspäne entfernte. Diese Werkzeuge fanden Anwendung in der Zimmerei und beim Bau der charakteristischen Langhäuser.

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Architektur: Die monumentalen Langhäuser

Die Architektur der Bandkeramik unterscheidet sich radikal von allem, was zuvor in Europa gefunden wurde. Die Langhäuser erreichten Längen von bis zu 45 Metern und stellten zu ihrer Zeit die größten Bauten der Welt dar. Diese vielseitigen Strukturen boten Schutz für Menschen und Vieh und dienten als Lager- und Arbeitsräume. Sie wurden aus massiven Holzpfosten errichtet, meist in fünf Reihen – zwei für die Außenwände und drei zur Dachunterstützung. Die rechteckigen Grundrisse maßen zwischen 7 und 45 Metern in der Länge und 5 bis 7 Metern in der Breite. Die Zwischenräume der Außenpfosten wurden mit einem Flechtwerk aus Zweigen und Ästen (Wattle) gefüllt, das anschließend mit Lehm verputzt wurde. Oft wurden die Häuser an derselben Stelle wieder aufgebaut.

Typischerweise wurden die Häuser auf kiesigen Flussterrassen in Waldlichtungen errichtet, was Zugang zu Wasser und Feldern gewährleistete. Die Häuser waren oft in Zweier- oder Dreiergruppen angeordnet. Einige Siedlungen, wie Vaihingen/Enz in Deutschland, wiesen Gräben um die Wohnbereiche auf, die jedoch wahrscheinlich keine Verteidigungsfunktion hatten.

Bestattungen und soziale Organisation

Die Untersuchung von Gräbern liefert Archäologen wertvolle Einblicke in vergangene Gesellschaften. Die Toten der Bandkeramik wurden in Friedhöfen in einiger Entfernung von den Siedlungen bestattet. Die Verstorbenen wurden in der Regel in Hockerstellung in Einzelgräbern beigesetzt. Eine geringe Anzahl von Grabbeigaben, wie Beile, Keramikgefäße, Pfeilspitzen und Steinwerkzeuge, war üblich. Perlen und Armbänder aus der Meeresschnecke Spondylus gaedoropus, die im Mittelmeer und im Schwarzen Meer vorkam, deuten auf Fernhandel hin.

Die Grabbeigaben sowie die Architektur der Langhäuser lassen auf eine egalitäre soziale Organisation der Bandkeramik schließen, das heißt, es gab keine ausgeprägten sozialen Klassen oder eine ungleiche Verteilung von Ressourcen. Der Fernhandel brachte exotische Güter aus fernen Regionen, und es gab auch Kontakte zu lokalen Jäger-und-Sammler-Gruppen. Die Gräber von Frauen waren oft reich verziert, was einige Archäologen zu der Annahme veranlasst, dass die Abstammung möglicherweise weiblich verfolgt wurde.

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Die Bandkeramik-Kultur repräsentiert somit nicht nur die Anfänge der Landwirtschaft in Mitteleuropa, sondern auch eine Gesellschaft, die durch innovative Architektur, hochentwickelte Handwerkstechniken und ein komplexes soziales Gefüge gekennzeichnet war. Ihre Errungenschaften legten den Grundstein für die weitere Entwicklung der europäischen Zivilisation.