Dicke Autos, dünner Umweltschutz: Deutschlands Verkehrswende im Stillstand

Die europäische Autoindustrie setzte sich 1998 das ehrgeizige Ziel, den durchschnittlichen Verbrauch aller neu zugelassenen Pkw bis 2008 auf 5,7 Liter pro 100 Kilometer zu senken. Dieses Versprechen hat sie weitgehend gebrochen. Im Jahr 2022 verbrauchten Pkw mit Ottomotor durchschnittlich etwa 7,7 Liter Benzin auf 100 Kilometer, während Fahrzeuge mit Dieselmotor auf rund sieben Liter Kraftstoff für die gleiche Strecke kamen. Insbesondere deutsche Autos scheinen ein Problem mit Übergewicht und überdimensionierten Motoren zu haben. Von Modell zu Modell hat die deutsche Autoindustrie schwerere und schnellere Fahrzeuge auf den Markt gebracht, was über die letzten Jahrzehnte zu einer regelrechten “Aufrüstung” auf deutschen Straßen geführt hat. Dieses Streben nach immer höheren Spitzengeschwindigkeiten erforderte zwangsläufig größere und schwerere Motoren. Ein prägnantes Beispiel ist der VW Golf: Während das erste Modell von 1974 nur etwa 750 Kilogramm wog, bringt es die heutige Version auf fast das Anderthalbfache – eine Gewichtszunahme von beinahe 100 Prozent innerhalb von 30 Jahren.

Motorleistung als Prestigefaktor: Das Problem des Premiumsegments

Besonders problematisch gestaltet sich die Situation im sogenannten Premiumsegment. Hier dominieren teure Karossen und große Geländewagen für den Stadtverkehr – massiv, PS-stark und wahre Spritfresser. Kein anderes Segment der Autoindustrie hat in den letzten Jahrzehnten eine derartige Aufrüstung erfahren. Allein bei Volkswagen, dem weltweiten Marktführer für Verbrennerfahrzeuge nach Toyota, machen SUV-Modelle mittlerweile rund ein Drittel der insgesamt etwa neun Millionen verkauften Autos aus. Bis 2025 plant VW sogar, den SUV-Anteil seiner Produktpalette auf 50 Prozent zu steigern. Während ein durchschnittliches Auto im Schnitt etwa 7 Liter auf hundert Kilometern verbraucht, liegt der Normverbrauch von Premiumfahrzeugen im Durchschnitt bei über 13 Litern, auf Autobahnen steigt dieser Wert schnell auf über 20 Liter pro 100 Kilometer. Die Verkaufszahlen von SUVs erreichten 2023 einen neuen Rekord und machen mittlerweile die Hälfte aller weltweit neu verkauften Autos aus, wie eine Analyse der Internationalen Energieagentur (IEA) belegt. Diese Fahrzeuge sind zudem ein deutscher Exportschlager: 2023 wurden laut dem Verband der deutschen Automobilindustrie 75 Prozent der in Deutschland produzierten Autos ins Ausland verkauft. Die globale Automobilindustrie orientiert sich somit stark an deutschen Modellen, was der deutschen Autoindustrie eine Vorreiterfunktion und damit eine besondere Verantwortung überträgt – eine Verantwortung, der sie bis heute nicht gerecht wird.

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Klimazerstörung auf Kosten des Steuerzahlers: Die Rolle von Firmenwagen

Ein signifikanter Faktor, der zur Verbreitung von SUVs und damit zu erhöhten Emissionen beiträgt, ist die Besteuerung von Firmenwagen. In Deutschland sind 67 Prozent aller zugelassenen Pkw als Firmenwagen registriert. Das größte Segment bei diesen Dienstwagen bilden SUVs. Unternehmen bestellen oft schwere Fahrzeuge mit hohem Spritverbrauch, da das Image der Marke oder des Unternehmens wichtiger erscheint als der Klimaschutz. Für die Nutzer sind die Anschaffungs- und Spritkosten zudem steuerlich absetzbar. Dieses Steuerrecht sichert der Autoindustrie weiterhin den Absatz ihrer teuren Premiumfahrzeuge auf dem heimischen Markt. Folglich fehlt ein wirklicher Anreiz für die Entwicklung und den Kauf spritsparenderer Autos, da der deutsche Steuerzahler indirekt diese unnötige Form der Klimazerstörung mitfinanziert. Umweltaspekte scheinen hierbei oft in den Hintergrund zu treten, was die Notwendigkeit von Änderungen im steuerlichen Anreizsystem unterstreicht, um einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

Die Zukunft ist elektrisch und effizient: Ein Blick auf moderne Alternativen

Die deutschen Autohersteller scheinen trotz verfügbarer Lösungen und erprobter Technologien zur Reduzierung klimaschädlicher CO2-Emissionen an ihrer traditionellen Modellpolitik festzuhalten. Bereits 1995 baute Greenpeace einen Renault Twingo nach dem Prinzip “SmILE” (Small, Intelligent, Light and Efficient) um. Das Prinzip der “SmILE-Technik” ist ein unübertroffenes Vorbild. Wenn dieses Prinzip konsequent auf alle Automodelle angewendet worden wäre, hätte bereits vor Jahrzehnten eine Halbierung des Kohlendioxidausstoßes und des Spritverbrauchs im Pkw-Verkehr erzielt werden können. Insbesondere die deutschen Autohersteller haben zudem den Umstieg auf klimafreundliche Elektromobilität gebremst. Bis heute fehlen erschwingliche, kleine Elektroautos für den Massenmarkt; stattdessen werden vor allem große Elektro-SUVs produziert. Diese Entwicklung bremst die Verkehrswende aus und steht im Widerspruch zu den dringenden Notwendigkeiten des Klimaschutzes. Es ist an der Zeit, dass die deutsche Automobilindustrie ihre Prioritäten überdenkt und sich stärker auf die Entwicklung und Produktion von effizienten, umweltfreundlichen und für alle erschwinglichen Fahrzeugen konzentriert. Nur so kann sie ihrer Verantwortung gerecht werden und einen positiven Beitrag zur Bewältigung der Klimakrise leisten.

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