Die Himmelsscheibe von Nebra: Ein Bronzetor zur Bronzezeit

Die Himmelscheibe von Nebra, ein archäologischer Sensationsfund, öffnet ein faszinierendes Fenster in die Welt der Bronzezeit. Dieses außergewöhnliche Artefakt, das heute im Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte in Halle aufbewahrt wird, birgt eine Geschichte, die selbst die größten Epen der Antike in den Schatten stellen könnte. Die beiden Autoren, Harald Meller, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, und der Wissenschaftsjournalist Kai Michel, haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Geheimnisse dieser wundersamen Himmelscheibe und ihrer Zeit zu entschlüsseln. Sie präsentieren uns eine fesselnde Erzählung, die auf fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert und ein lebendiges Panorama der Bronzezeit zwischen etwa 2000 und 1500 vor Christus zeichnet.

Ein “Tatsachenroman” über eine schriftlose Kultur

Meller und Michel sind sich bewusst, dass die Rekonstruktion der Geschichte einer schriftlosen Kultur ein Wagnis darstellt und auf Skepsis in der akademischen Welt stoßen könnte. Dennoch wagen sie sich an dieses Unterfangen, inspiriert von C. W. Cerams Bestseller “Götter, Gräber und Gelehrte”. Mit einem ähnlichen erzählerischen Ansatz entfalten sie den Kosmos der Himmelscheibe, die inzwischen zum UNESCO-“Weltdokumentenerbe” gehört. Ihre Arbeit stützt sich auf Erkenntnisse aus einer Vielzahl von Disziplinen, darunter Archäologie, Astronomie, Anthropologie, Kriminalistik, Physik und viele weitere. Diese interdisziplinäre Herangehensweise macht die Himmelscheibe von Nebra zu einem der am besten erforschten archäologischen Funde weltweit.

Das wirklich Sensationelle an der Himmelscheibe ist, dass sie nicht gezielt gesucht wurde. Niemand ahnte, dass eine derartige Himmelsdarstellung existieren könnte. Die Kultur, der sie entstammt – die Aunjetitzer Kultur –, war selbst Experten nur vage bekannt. Umso erstaunlicher war der Fund der frühesten Himmelsdarstellung der Welt im heutigen Mitteldeutschland.

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Die Kriminalgeschichte der Himmelscheibe

Das “Epos” von Meller und Michel gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil widmet sich der dramatischen Entdeckungsgeschichte der Scheibe: Von der illegalen Raubgrabung auf dem Mittelberg bei Nebra über Hehlerei bis hin zur spektakulären Rückführung durch die Schweizer Polizei nach einer konspirativen Übergabe in einer Baseler Hotelbar. Die Tatsache, dass sowohl der Fundort als auch die dazugehörigen Grabbeigaben – zwei Bronzeschwerter mit goldenen Griffmanschetten, zwei Bronzebeile, ein Meißel und zwei zerbrochene Armspiralen – gerettet und wissenschaftlich untersucht werden konnten, machte den Fund perfekt. Diese umfassende Untersuchung widerlegte alle Fälschungsgerüchte und Zweifel.

Die Aunjetitzer Kultur und ihre Geheimnisse

Im zweiten Teil des Buches wagen sich die Autoren auf das Feld der gut begründeten Hypothesen, gestützt auf eine Fülle archäologischer Funde. Sie beleuchten beeindruckende Grabhügel wie jene von Leubingen und Helmsdorf, die auf den Reichtum und die Bedeutung der Bestatteten hindeuten. Schritt für Schritt dringen sie in die Welt der Aunjetitzer Kultur ein, die sich nach dem Fundort Únětice nördlich von Prag benannt hat. Diese Kultur entwickelte sich aus den Schnurkeramik- und Glockenbecherkulturen am Übergang von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit. Die Autoren verfolgen die Handelsrouten, die den Transfer von Rohstoffen und Herstellungstechniken für Bronze in Mitteleuropa ermöglichten, von Stonehenge bis nach Böhmen und in die Slowakei.

Die Menschen der Aunjetitzer Kultur siedelten auf den fruchtbaren Schwarzerdeböden Mitteldeutschlands. Obwohl sie keine Schrift kannten und keine Städte bauten, hinterließen sie beeindruckende Zeugnisse ihres Reichtums und ihrer Macht. Ein Beispiel dafür ist der Bornhöck, ein gigantischer Grabhügel, der einst fast zwanzig Meter hoch war. Obwohl das Grab selbst leer vorgefunden wurde, zeugen außergewöhnliche Goldschätze, die in der Nähe gefunden wurden, von der immensen Bedeutung der Bestatteten – möglicherweise eines Königs oder “Herren der Himmelscheibe”.

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Sieben Lehren der Himmelsscheibe

Die Autoren entwerfen das Bild eines Reiches der Aunjetitzer, das Wissen ohne Schrift transferierte und militärische Macht mit fürstlichem Reichtum verband. Dieses Reich bestand rund vierhundert Jahre, in denen die Himmelscheibe als zentrales Herrschaftssymbol von König zu König weitergegeben wurde. Am Ende, als der Untergang der Aunjetitzer Kultur drohte, wurde die Scheibe vermutlich als höchstes Opfer in einem Hort auf dem Mittelberg niedergelegt.

Die Theorie, dass ein Aunjetitzer Prinz möglicherweise nach Mesopotamien reiste und von dort astronomische Kenntnisse mitbrachte, die er dann zur Anfertigung der Himmelscheibe nutzte, ist faszinierend. Die Fülle der archäologischen Indizien ist erdrückend, auch wenn Lücken in der Beweiskette bestehen bleiben. Was Meller und Michel jedoch als “Tatsachenroman” präsentieren, besitzt einen Grad an Wahrscheinlichkeit, der kaum widerlegt werden kann. Ihre Arbeit liefert sieben Lehren aus der Bronzezeit, die auch auf unsere heutige Zeit mit ihren Verwerfungen anwendbar sind.