Der Sommer, der die teenagerschen Helden im “Auerhaus” vereint, beginnt mit einer scheinbar unbeschwerten Rebellion gegen die Regeln und Normen der Erwachsenenwelt. Angetrieben von der Energie der 80er Jahre, mit einem Soundtrack im Kopf, der an Chart-Hits erinnert, entfaltet sich die Geschichte einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft. Dieses Buch, das durch seinen originellen Stil und seine thematische Tiefe besticht, lädt dazu ein, eine Lebensphase zu erkunden, die von Sinnsuche, Unangepasstheit und der drohenden Verantwortung des Erwachsenwerdens geprägt ist.
Die WG als Zufluchtsort: Eine Gemeinschaft im Ausnahmezustand
Im Zentrum des Romans steht das “Auerhaus”, eine WG, die für eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Jugendlichen zu einem temporären Zuhause wird. Der namenlose Erzähler, selbst ein Abiturient, teilt sich das Haus mit seinem Freund Frieder, der nach einem Suizidversuch nicht mehr bei seinen Eltern leben kann. Ergänzt wird die Gemeinschaft durch Cäcilia, eine privilegierte junge Frau, die cleptomanische Vera, den homosexuellen Harry und Pauline, die eine Vorliebe für Pyromanie hat. Diese Konstellation schafft eine Atmosphäre des “Andersseins”, in der sich die Bewohner scheinbar losgelöst von äußeren Zwängen bewegen können.
Zwischen Freiheit und Melancholie: Ein Sommer der Grenzüberschreitungen
Der Sommer im “Auerhaus” ist eine Zeitspanne, die von Ladendiebstählen, ausschweifenden Partys und einer tiefen Sinnsuche geprägt ist. Bov Bjerg, der Autor, meistert die Darstellung des “haltlosen Driftens” zwischen jugendlicher Wildheit und der Konfrontation mit der Verantwortung. Der lockere, jugendliche Erzählton, der an die Alltagssprache erinnert, birgt jedoch eine unterschwellige Melancholie. Die vordergründige Lässigkeit des Erzählers täuscht über seine Sorge um Frieder hinweg und lässt die tiefere Verunsicherung und das Gefühl des Verlorenseins spüren, das viele in dieser Übergangsphase erleben. Diese Darstellung der schwierigen Phase zwischen Jugend und Erwachsenenalter ist treffend und einfühlsam.
Ein Ende mit Folgen: Zwischen Erwartung und Schock
Es ist unausweichlich, dass die Gemeinschaft im “Auerhaus” nicht von Dauer sein kann. Das Ende des Romans wird von einer Grenzüberschreitung markiert, die zwar erwartet wird, deren Ausmaß jedoch wie ein Faustschlag trifft. Die gestohlene Zeit, die die Bewohner im “Auerhaus” verbracht haben, muss ihren Preis zahlen. Es ist eine Rebellion gegen das Anpassen, gegen gesellschaftliche Muster und gegen Besitzdenken, die schließlich wie ein Weihnachtsbaum, der symbolträchtig im Buch in Flammen aufgeht, ausbrennen muss. Das Ende birgt eine überraschende Wendung, die den Leser tief berührt und zum Nachdenken anregt.
Stilistische Ambivalenz: Einzigartig, aber anstrengend
Der Schreibstil von Bov Bjerg ist zweifellos originell und macht zunächst Spaß. Die Kürze der Sätze, die Auslassungen und die bewusste Reduktion im Ausdruck sind ein Blickfang. Allerdings kann dieser Stil auf Dauer auch anstrengend wirken. Die Ausdrucksweise des Erzählers, die als nicht immer passend empfunden wird, lässt vermuten, dass der Autor bewusst mehr Tiefe suggerieren möchte, was jedoch die Authentizität und Natürlichkeit der Geschichte beeinträchtigen kann. Diese stilistische Entscheidung mag bewusst gewählt sein, fordert den Leser jedoch heraus.
Realität oder Parabel? Die Suche nach der Aussage
Eine zentrale Frage, die sich beim Lesen aufdrängt, ist die nach der Realitätsnähe des “Auerhaus”-Szenarios. Von der scheinbar grenzenlosen Freiheit, die den psychisch erkrankten Frieder umgibt, bis hin zur Gesetzlosigkeit der WG, wirkt das Szenario zu anarchisch, um vollständig glaubhaft zu sein. Dies führt zu der Überlegung, ob das “Auerhaus” als Überhöhung oder Parabel gemeint ist. Die Unklarheit darüber, ob der Roman realistisch oder abstrakt interpretiert werden soll, kann den Leser aus der Geschichte reißen und die Leseerfahrung beeinträchtigen.
Fazit: Ein Leseerlebnis abseits ausgetretener Pfade
“AUERHAUS” ist ein Roman, der bewusst aus der Reihe tanzt. Der poppig-reduzierte Erzählstil ist bemerkenswert, fordert aber auch heraus. Die Geschichte ist rebellisch und zugleich von einer nebligen Unsicherheit durchzogen. Witz und Traurigkeit wechseln sich ab, und am Ende bleibt der Leser mit einem dumpfen Gefühl und wenigen klaren Antworten zurück. Ob der Roman die Sinnsuche auf dem Weg ins erwachsene Leben thematisiert, bleibt offen. Eines ist jedoch klar: Im “Auerhaus” finden die Bewohner ihren eigenen Weg nicht. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft dieses ungewöhnlichen Romans – ein Leseerlebnis, das lange nachhallt und zum Nachdenken über die eigene Lebensphase anregt.

