Wahrnehmung der Ästhetik komplexer Bewegungen – Eine tiefgehende Analyse

Die Ästhetik komplexer Bewegungen, insbesondere im Kontext von Tanz und Sport, fasziniert und fordert uns heraus. Was macht eine Bewegung als schön oder qualitativ hochwertig wahrnehmbar? Dieses Projekt, unter der Leitung von Pia Vinken, untersucht genau diese Fragen und beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Bewegung, Wahrnehmung und Expertise. In einer Welt, in der visuelle Reize allgegenwärtig sind, gewinnt das Verständnis ästhetischer Prinzipien in der Bewegung an Bedeutung. Dieser Artikel taucht tief in die Forschungsergebnisse ein und bietet Einblicke in die Faktoren, die Bewegungsästhetik definieren.

Was bedeutet Ästhetik in komplexen Bewegungen?

Die Ästhetikforschung blickt auf eine lange Tradition zurück, doch eine universelle Theorie, die erklärt, was Objekte oder Bewegungen schön macht, existiert bis heute nicht. Dennoch ist der Begriff “Ästhetik” im allgemeinen Sprachgebrauch fest verankert. Um die Assoziationen und Bedeutungen, die mit Ästhetik im Kontext komplexer Bewegungen verbunden sind, zu ergründen, wurde eine Studie mit dem Titel “Konzeptuelle Differenzierung des Begriffs Ästhetik bei der Wahrnehmung komplexer Bewegungen” durchgeführt.

Die Studie zur Ästhetik von Bewegungen

Das Hauptziel der Studie war es, das semantische Feld des Wortes “Ästhetik” im Bereich komplexer Bewegungen zu erfassen und dessen Wertigkeit zu prüfen. Ein weiterer Fokus lag darauf, Unterschiede in der konzeptuellen Struktur des Begriffs Ästhetik zwischen verschiedenen Zielgruppen – Sportstudierenden und Nicht-Sportstudierenden – zu identifizieren. Es wurde vermutet, dass Sportstudierende umfassendere und andere semantische Assoziationen nennen würden als Nicht-Sportstudierende.

Zur Datenerhebung wurden eine Fragebogenerhebung und ein anschließendes Valenzrating durchgeführt. Insgesamt nahmen 294 Sportstudierende und 236 Nicht-Sportstudierende teil. Die Teilnehmenden wurden gebeten, Adjektive aufzulisten, die zur Beschreibung der Ästhetik komplexer Bewegungen verwendet werden können. Anschließend bewerteten sie die zehn am häufigsten genannten Adjektive auf einer siebenstufigen Likert-Skala hinsichtlich ihrer subjektiven Wertigkeit.

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Die Analyse der Fragebogenerhebung ergab, dass Sportstudierende 343 unterschiedliche Adjektive (1.310 Gesamtnennungen) und Nicht-Sportstudierende 403 unterschiedliche Adjektive (1.132 Gesamtnennungen) nannten. Zehn Adjektive waren in beiden Gruppen identisch und wurden am häufigsten genannt, darunter elegant, schön und fließend. Die relative Häufigkeit dieser zehn Adjektive ist in Abbildung 1 dargestellt. Interessanterweise wurden auch Unterschiede bei Adjektiven mit geringeren Häufigkeiten festgestellt: Sportstudierende beschrieben Bewegungen eher als “leicht”, während Nicht-Sportstudierende eher “schwer” und “komplex” nannten. Dies könnte darauf hindeuten, dass Sportstudierende einen engeren, auf technisch-kompositorische und ästhetisch-assoziierte Sportarten ausgerichteten Ästhetikbegriff haben, bei dem Bewegungen bewusst leicht erscheinen sollen.

Das Valenzrating zeigte, dass alle zehn identisch genannten Adjektive eine positive Wertigkeit aufwiesen. Die höchsten Wertigkeiten erhielten die Adjektive ästhetisch (2.23 ± 0.31) und dynamisch (2.10 ± 0.29), gefolgt von elegant (1.94 ± 0.27), schön (1.73 ± 0.24) und fließend (1.78 ± 0.25).

Die Ergebnisse dieser Studie bieten wertvolle Implikationen: Erstens steht zukünftigen Forschungen ein konzeptuelles Differenzierungsinstrument mit einer Adjektivliste zur Verfügung, das für die Entwicklung von Skalen und Beschreibungen von Bewegungsqualität genutzt werden kann. Zweitens ermöglicht die Analyse eine fundiertere Bewertung technisch-kompositorischer Sportarten in der Praxis. Die gewonnenen Adjektivlisten scheinen die Ästhetik komplexer Bewegungen vergleichbar abzubilden wie Persönlichkeitsmerkmale die Persönlichkeit. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Ästhetik komplexer Bewegungen einem deutlich positiven Bias unterliegt und das Potenzial hat, positive Empfindungen und Erlebnisse hervorzurufen, wobei Eleganz, Schönheit und Bewegungsfluss eine maßgebliche Rolle spielen.

Der Einfluss von Körperwinkeln auf die ästhetische Wahrnehmung im Turnen

Dynamische und ästhetische Übungen im Turnen begeistern Zuschauer weltweit. Doch was genau macht das Turnen zu einer ästhetischen Sportart? Welche Rolle spielen turnerische Körperhaltungen für die ästhetische Wahrnehmung? Diese Fragen wurden in einer Bachelorarbeit untersucht, die sich auf die Größe von Körperwinkeln als messbare Eigenschaft von Bewegungen konzentrierte. Ziel war es, das Verständnis für den Einfluss objektiver, kinematischer Parameter auf die subjektive ästhetische Wahrnehmung komplexer Bewegungen zu erweitern.

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Die Studie zu Körperwinkeln und Ästhetik im Turnen

Obwohl es bisher wenige Studien zur Ästhetik im Gerätturnen gibt, wird diese Sportart von Turner*innen selbst als ästhetisch empfunden, und Zuschauer*innen besuchen Wettkämpfe auch wegen der ästhetischen Darbietungen der Athlet*innen. Die Studie untersuchte daher den Einfluss von Körperwinkeln in turnerischen Körperhaltungen auf die wahrgenommene Ästhetik und prüfte, inwieweit die Turn-Expertise der Beobachter*innen diese Wahrnehmung beeinflusst.

Für die Untersuchung wurden 42 Personen mit unterschiedlicher Turn-Vorerfahrung in drei Gruppen eingeteilt: Turn-Expert*innen, Turn-Noviz*innen und Turn-Lai*innen. Zwei turnerische Bewegungen – der Spreizhandstand und der Standspagat – wurden ausgewählt. Den Teilnehmenden wurden Bilder dieser Bewegungen präsentiert, bei denen ausschließlich der Beinwinkel verändert wurde. Beim Spreizhandstand wurden sieben Bilder mit Beinwinkeln von 0 bis 180 Grad gezeigt, beim Standspagat sieben Bilder mit Winkeln von 90 bis 180 Grad.

Die Teilnehmenden sollten die sieben unterschiedlichen Bilder einer Bewegung hinsichtlich der wahrgenommenen Ästhetik in eine Rangfolge bringen. Die Hypothesen gingen davon aus, dass Expert*innen Bilder mit größeren Beinwinkeln als ästhetischer bewerten würden, während Noviz*innen und Lai*innen kleinere Winkel bevorzugen würden.

Die Ergebnisse konnten die Hypothese über die Präferenz von Noviz*innen und Lai*innen nicht bestätigen, da ihre Bewertungen denen der Expert*innen insgesamt ähnelten. Die Annahme, dass Expert*innen größere Spreizwinkel als ästhetischer wahrnehmen, konnte jedoch bestätigt werden. Insbesondere beim Standspagat zeigte sich eine kontinuierlich bessere Bewertung mit zunehmendem Beinwinkel, unabhängig von der Turn-Expertise. Platz eins der Rangliste repräsentierte das am stärksten ästhetisch wahrgenommene Bild, Platz sieben das am schwächsten wahrgenommene.

Auch im Spreizhandstand bestätigte sich diese Erkenntnis, mit der Ausnahme des geschlossenen Handstands, der ebenso ästhetisch wie der Handstand mit vollständig gespreizten Beinen wahrgenommen wurde. Eine signifikante Beobachtung war eine schlechtere Bewertung des geschlossenen Handstands durch Noviz*innen und Lai*innen im Vergleich zu den Expert*innen.

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Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ein größerer Spreizwinkel die ästhetische Empfindung generell zu erhöhen scheint, da Bilder mit größeren Spreizwinkeln in allen Gruppen bevorzugt wurden. Dies scheint ein Parameter zu sein, auf den bei der Ausführung und beim Üben von Turnbewegungen geachtet werden sollte, um den zuschauenden Personen möglichst ästhetisch ansprechende Übungen zu präsentieren. Die Studie liefert somit wertvolle Einblicke für Trainer*innen und Athlet*innen, die die ästhetische Komponente ihrer Darbietungen optimieren möchten.

Wer sein Wissen über ästhetische Wahrnehmung vertiefen möchte, findet hier weiterführende Empfehlungen:

  • Chatterjee und Vartanian (2014): Ihr Modell der “aesthetic triad” beschreibt die neuronale Verarbeitung ästhetischer Erfahrungen über sensorisch-motorische, emotionale und wissensbezogene Komponenten.
  • Daprati, Iosa und Haggard (2009): Diese Studie untersuchte die Entwicklung von Ballettposen über Jahrzehnte und stellte fest, dass größere Spreizwinkel von Beobachter*innen als ästhetischer empfunden werden.
  • Cross, Kirsch, Ticini und Schütz-Bosbach (2011): Diese Forschung beleuchtet den Zusammenhang zwischen körperlicher Tanz-Expertise und ästhetischer Bewertung, wobei Bewegungen als am ansprechendsten empfunden wurden, wenn sie sowohl ästhetisch als auch schwer zu reproduzieren sind.