Die politische Landschaft Deutschlands und Europas wurde über viele Jahre hinweg maßgeblich von einer Frau geprägt: Angela Merkel. Ihre Amtszeit als Bundeskanzlerin, von 2005 bis 2021, ist eine der längsten und ereignisreichsten in der Geschichte der Bundesrepublik. Doch wer ist die Frau, die hinter der starken und oft als unerschütterlich beschriebenen Fassade steckt? Diese Zeitreise beleuchtet die wichtigsten Stationen ihres Lebens und Wirkens, von ihren Anfängen in der DDR bis hin zu ihrer Rolle auf der Weltbühne.
Frühe Jahre und wissenschaftliche Laufbahn in der DDR
Angela Dorothea Kasner wurde am 17. Juli 1954 in Hamburg geboren, zog aber bereits wenige Wochen nach ihrer Geburt mit ihrer Familie in die damalige Deutsche Demokratische Republik (DDR). Ihr Vater, Horst Kasner, war ein evangelischer Theologe, der eine Pfarrstelle in Brandenburg übernahm. Angela wuchs in der Kleinstadt Templin auf und zeigte schon früh eine bemerkenswerte Begabung für Mathematik und Naturwissenschaften. Nach ihrem Abitur studierte sie Physik an der Universität Leipzig und promovierte später an der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin im Fach Quantenchemie. In dieser Zeit lernte sie auch ihren ersten Ehemann, Ulrich Merkel, kennen und trug fortan dessen Nachnamen. Ihre wissenschaftliche Karriere prägte sie mit analytischem Denken und einer methodischen Herangehensweise – Eigenschaften, die ihr später in der Politik zugutekommen sollten.
Der politische Aufstieg im vereinten Deutschland
Mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 begann auch für Angela Merkel eine neue Phase. Sie engagierte sich politisch und trat der neu gegründeten Partei “Demokratischer Aufbruch” bei, die später in der Christlich Demokratischen Union (CDU) aufging. Ihr Aufstieg verlief rasant: Bereits 1990 wurde sie zur stellvertretenden Regierungssprecherin der ersten frei gewählten DDR-Regierung ernannt. Nach der Wiedervereinigung zog sie 1990 als Bundestagsabgeordnete in den Deutschen Bundestag ein. Ihre Karriere innerhalb der CDU war beeindruckend. Unter Bundeskanzler Helmut Kohl diente sie als Bundesministerin für Frauen und Jugend und später als Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Ihr pragmatischer Stil und ihre Fähigkeit, komplexe Sachverhalte zu durchdringen, verschafften ihr Respekt.
Kanzlerin an der Spitze Deutschlands und Europas
Im Jahr 2000 wurde Angela Merkel zur Vorsitzenden der CDU gewählt und war damit die erste Frau an der Spitze einer der großen deutschen Parteien. Nach einem knappen Wahlsieg zog sie am 22. November 2005 als erste Bundeskanzlerin in das Amt des Regierungschefs ein. Ihre Kanzlerschaft war von zahlreichen Krisen und Herausforderungen geprägt, die sie mit bemerkenswerter Gelassenheit meisterte.
Die globale Finanzkrise (ab 2008)
Die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise stellten Deutschland und die Eurozone vor immense Aufgaben. Merkel setzte auf eine Kombination aus Rettungsmaßnahmen für Banken und Sparpolitik, um die Stabilität der deutschen Wirtschaft zu gewährleisten. Ihre Haltung in der Griechenlandkrise und der anschließenden Eurokrise wurde international genau beobachtet und diskutiert.
Die Flüchtlingskrise (2015)
Die Entscheidung, die Grenzen für Hunderttausende von Flüchtlingen zu öffnen, die vor Krieg und Verfolgung flohen, ist wohl eine der folgenreichsten und umstrittensten Entscheidungen ihrer Amtszeit. Merkels Ausspruch “Wir schaffen das” wurde zum Symbol für eine Politik der Menschlichkeit, aber auch zum Anlass für scharfe Kritik und eine Polarisierung der Gesellschaft. Diese Krise veränderte die politische Landschaft in Deutschland nachhaltig.
Die Corona-Pandemie (ab 2020)
In ihrem letzten Amtsjahr sah sich Angela Merkel mit der globalen COVID-19-Pandemie konfrontiert. Ihre wissenschaftlich fundierte Kommunikation und ihr Appell an die Vernunft der Bürger prägten die öffentliche Debatte und die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus. Ihre Fähigkeit, komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich zu vermitteln, wurde in dieser Zeit besonders deutlich.
Internationale Beziehungen und globale Präsenz
Angela Merkel war nicht nur eine starke Stimme auf nationaler Ebene, sondern auch eine einflussreiche Persönlichkeit in der internationalen Politik. Sie pflegte enge Beziehungen zu Staats- und Regierungschefs weltweit und setzte sich für multilaterale Zusammenarbeit und diplomatische Lösungen ein. Ihre pragmatische und oft zurückhaltende Verhandlungsweise brachte ihr den Respekt vieler internationaler Partner ein. Sie spielte eine Schlüsselrolle in der Europäischen Union und war maßgeblich an der Bewältigung zahlreicher europäischer Krisen beteiligt.
Nach der Kanzlerschaft
Nach 16 Jahren im Amt und vier Wiederwahlen entschied sich Angela Merkel, nicht erneut zur Bundestagswahl anzutreten. Sie übergab ihr Amt am 8. Dezember 2021 an ihren Nachfolger Olaf Scholz. Seitdem hat sie sich weitgehend aus der aktiven Politik zurückgezogen, steht aber gelegentlich für öffentliche Auftritte zur Verfügung und teilt ihre Erfahrungen und Einblicke.
Das Vermächtnis einer Ära
Angela Merkels Zeit als Bundeskanzlerin hat Deutschland und Europa nachhaltig geprägt. Ihre Fähigkeit, in Krisenzeiten Ruhe zu bewahren und pragmatische Entscheidungen zu treffen, wurde oft gelobt. Gleichzeitig wurde sie auch für ihre manchmal zögerliche Haltung und ihre Politik kritisiert. Ihr Vermächtnis ist vielschichtig: Sie steht für Stabilität, Verlässlichkeit und eine Politik des Ausgleichs. Gleichzeitig wird ihre Ära auch durch die großen Herausforderungen wie die Finanzkrise, die Flüchtlingsbewegung und die Pandemie definiert. Angela Merkel hat gezeigt, dass eine Frau an der Spitze der deutschen Politik nicht nur möglich, sondern auch erfolgreich sein kann. Ihre Zeit als Kanzlerin wird zweifellos einen wichtigen Platz in den Geschichtsbüchern einnehmen.

