Angela Merkel: “Kann man mich jetzt hören?” – Ein Satz, der Geschichte schrieb

Es gibt Sätze, die bleiben. Momente, die sich ins kollektive Gedächtnis einbrennen und über ihren ursprünglichen Kontext hinaus Bedeutung erlangen. Einer dieser Momente ereignete sich während einer Videokonferenz im April 2020, als die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einer technischen Panne kämpfte und die einfache Frage stellte: „Kann man mich jetzt hören?“. Dieser Satz, inmitten einer globalen Krise und mit dem unverkennbaren Pragmatismus Merkels vorgetragen, wurde schnell zu mehr als nur einer technischen Feststellung. Er wurde zu einem Symbol für die Herausforderungen der digitalen Kommunikation, für die menschliche Seite hinter der politischen Fassade und für die unaufhaltsame Suche nach Verbindung in einer zunehmend vernetzten Welt.

Doch die Suche nach dem „Kann man mich jetzt hören?“-Moment im Leben Angela Merkels führt uns auch zu anderen, weitaus prägenderen Aussagen, die ihre lange und einflussreiche Kanzlerschaft charakterisierten. Insbesondere der Ausspruch „Wir schaffen das!“ aus dem Jahr 2015 hat sich als ein solcher Satz ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.

Der Ursprung des ikonischen Satzes: „Wir schaffen das!“

Die Worte „Wir schaffen das!“ fielen im August 2015 auf einer Bundespressekonferenz. Angesichts der damals stark ansteigenden Flüchtlingszahlen in Deutschland und Europa formulierte Angela Merkel damit ihre Haltung zur Bewältigung dieser humanitären und gesellschaftlichen Herausforderung. Es war ein Satz, der nicht nur ihre Entschlossenheit, sondern auch das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit und Solidarität Deutschlands zum Ausdruck brachte. Die vollständige Aussage lautete: „Ich sage ganz einfach: Deutschland ist ein starkes Land. Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft – wir schaffen das!“.

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Dieser Satz wurde schnell zum Slogan, der die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung während der sogenannten Flüchtlingskrise symbolisierte. Er wurde von Befürwortern als Ausdruck von Menschlichkeit und Handlungsfähigkeit gefeiert, von Kritikern jedoch auch als naiv oder unzureichend betrachtet. Die Aussage wurde mehrmals wiederholt, unter anderem bei Parteiveranstaltungen, und entwickelte eine Eigendynamik, die weit über den ursprünglichen Kontext hinausging.

Merkel und die Macht der Worte: Mehr als nur „Wir schaffen das!“

Angela Merkel war bekannt für ihre bedachte und oft nüchterne Art zu kommunizieren. Selten nutzte sie rhetorische Mittel im großen Stil, sondern setzte auf klare Fakten und eine ruhige, aber bestimmte Darlegung ihrer Position. Dennoch gelang es ihr immer wieder, mit wenigen Worten tiefe Resonanz zu erzeugen.

„Das ist richtig und wichtig.“

Eine weitere häufig verwendete Formulierung Merkels war „Das ist richtig und wichtig.“. Dieser Satz diente oft dazu, ihre politischen Entscheidungen zu begründen und ihre Bedeutung zu unterstreichen. Er spiegelte ihren oft als objektiv und faktenbasiert beschriebenen Politikstil wider, der jedoch auch eine moralische Komponente implizierte.

„Das Internet ist für uns alle Neuland.“

Im Jahr 2013 sorgte Merkel mit der Aussage „Das Internet ist für uns alle Neuland“ für Aufsehen. Obwohl oft zitiert und manchmal auch mit einem Augenzwinkern kommentiert, traf dieser Satz den Nerv einer Gesellschaft, die sich inmitten des digitalen Wandels befand. Er offenbarte eine gewisse Ehrlichkeit über die Herausforderungen, die die neue Technologie mit sich brachte, und die Notwendigkeit, gemeinsam neue Wege zu finden.

Relativierung und Reflexion: „Ich bitte alle Bürgerinnen und Bürger um Verzeihung.“

Mit der Zeit zeigte sich auch eine Entwicklung in Merkels Rhetorik, insbesondere im Angesicht von Krisen. Im Zuge der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Einschränkungen gab es Momente der Reflexion und des Bedauerns. So entschuldigte sie sich beispielsweise für die kurzzeitig geplante, aber wieder rückgängig gemachte „Osterruhe“ mit den Worten: „Ich bitte alle Bürgerinnen und Bürger um Verzeihung.“. Dies unterstrich die Ernsthaftigkeit der Lage und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn Entscheidungen nachträglich als fehlerhaft erkannt wurden.

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Die Kanzlerin und die deutsche Sprache

Angela Merkel, die in der DDR aufwuchs und als promovierte Physikerin eine wissenschaftliche Laufbahn einschlug, bevor sie in die Politik wechselte, pflegte eine Sprache, die oft als präzise und zurückhaltend beschrieben wurde. Sie vermied modische Phrasen und setzte auf eine klare Diktion. Doch gerade diese Zurückhaltung verlieh ihren prägnanten Aussagen umso mehr Gewicht.

Ihre Reden, sei es vor dem Bundestag, auf internationalen Gipfeltreffen oder bei Bürgerdialogen, waren oft von einer tiefen Nachdenklichkeit geprägt. Sie thematisierte die Bedeutung von Freiheit, Demokratie und internationaler Zusammenarbeit. Sätze wie „Die Zeit der Corona-Pandemie hat wie in einem Brennglas gezeigt, von welch großer Bedeutung das Vertrauen in Politik, Wissenschaft und den gesellschaftlichen Diskurs ist“, verdeutlichen ihre Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge auf den Punkt zu bringen.

Das Erbe einer Kanzlerschaft: Worte, die bleiben

Angela Merkels Amtszeit war geprägt von zahlreichen Krisen und Herausforderungen, von der globalen Finanzkrise über die Eurokrise und die Flüchtlingskrise bis hin zur Corona-Pandemie. In diesen Zeiten waren ihre Worte oft ein Anker für Stabilität und Orientierung.

Der Satz „Kann man mich jetzt hören?“ mag uns an die Tücken der modernen Kommunikation erinnern, doch die bleibenderen Zitate Angela Merkels, wie „Wir schaffen das!“ oder ihre Betonung von Fakten und Vernunft, reflektieren das Wesen ihrer politischen Ära. Sie hat gezeigt, dass eine ruhige, aber bestimmte Stimme in der oft lauten politischen Landschaft Deutschlands und Europas Gewicht haben kann. Ihre Sprache war ein Spiegelbild ihrer Politik: beständig, lösungsorientiert und oft von einem tiefen Verantwortungsgefühl getragen. Ihre Abschiedsrede, in der sie zum gesellschaftlichen Zusammenhalt aufrief und die Bedeutung von gegenseitigem Verständnis und Vertrauen betonte, fasst ihr Erbe vielleicht am besten zusammen: „Ich möchte dazu ermutigen, auch zukünftig die Welt auch mit den Augen des anderen zu sehen“.

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