Das deutsche Bildungssystem, einst international hoch geschätzt, steht seit Jahren in der Kritik. Während die höhere Bildung und die duale Berufsausbildung in der Vergangenheit Vorbildcharakter hatten, haben verschiedene Studien, darunter PISA, die wahrgenommenen Schwächen aufgezeigt. Zu den Hauptkritikpunkten zählen die anhaltende Bildungsbenachteiligung sozial schwächerer Schichten, die geringe Durchlässigkeit von der Berufsbildung zur Hochschule, Zugangsschwierigkeiten zu mittleren Qualifikationen für Hauptschulabsolventen und die mangelhafte Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Diese Probleme wurzeln im sogenannten “Bildungs-Schisma”: einer tiefen institutionellen Trennung zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung, die historisch gewachsen ist und bisher kaum grundlegend reformiert wurde.
Was genau ist das deutsche Bildungs-Schisma?
Der Begriff “Bildungs-Schisma” beschreibt die fundamentale und in dieser Form nahezu einzigartige Trennung zwischen höherer Allgemeinbildung und Berufsausbildung unterhalb der Hochschulebene in Deutschland. Diese Trennung resultiert aus zwei grundlegend unterschiedlichen Organisationsformen, die sich über das letzte Jahrhundert weitgehend isoliert voneinander entwickelt haben und kaum organisatorische Verbindungen aufweisen. Dies erschwert jungen Menschen den Wechsel zwischen den Bildungsbereichen erheblich.
Soziologen nutzen den Begriff “Institution”, um dauerhafte soziale Gebilde zu beschreiben, die auf gemeinsamen Ideen zur optimalen Organisation basieren und das Verhalten ihrer Mitglieder prägen. Sowohl politische Systeme als auch Bildungseinrichtungen und ganze Bildungsbereiche können als Institutionen betrachtet werden, die Abläufen eine spezifische “institutionelle Ordnung” verleihen. Ein Vergleich der institutionellen Ordnungen der allgemeinbildenden Schulen und der dualen Berufsausbildung offenbart die Gründe für ihre starke Abgrenzung.
Institutionelle Ordnungen im Vergleich: Allgemeinbildung vs. Duale Berufsbildung
| Merkmal | Allgemeinbildende Schule | Duale Berufsbildung |
|---|---|---|
| Leitidee | Gebildete Persönlichkeit, individuelle Regulationsfähigkeit (Autonomie) | Berufliche Handlungskompetenz |
| Bezugspunkte für Lernziele | Kanon repräsentativen Wissens, Wissenschaftsorientierung | Arbeitsmarkt, wirtschaftlicher Bedarf an Qualifikationen |
| Politische Steuerung | Staatliche (demokratische) Kontrolle durch Bundesländer | Korporatistische Selbstverwaltung der Wirtschaft (Kammern) auf Basis bundesstaatlicher Regulierung |
| Finanzierung | Öffentlich (Länder, Kommunen) | Primär privat (Ausbildungsbetriebe) |
| Organisation der Lernprozesse | Praxisfern, in eigenen Organisationen | Praxisintegriert (Verbindung von Arbeit und Lernen) |
| Status des Lernenden | Schüler | Auszubildende(r) im Arbeitsverhältnis |
| Personal | Professionalisierte Lehrkräfte (öffentlicher Dienst) | Nicht- bis semi-professionelle Ausbilder in Betrieben (private Arbeitsverträge) |
Leitideen und Lernziele: Zwei unterschiedliche Bildungsphilosophien
Die höhere Allgemeinbildung folgt traditionell der Idee der “gebildeten Persönlichkeit”, die darauf abzielt, Individuen zur autonomen Lebensgestaltung zu befähigen. Ihr Kern ist ein breiter Wissenskonsens, oft wissenschaftsorientiert. Die Berufsausbildung hingegen fokussiert auf “berufliche Handlungskompetenz”, also die Fähigkeit, berufliche Rollen auszufüllen und sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten. Die Lehrpläne sind stärker auf unmittelbare Anwendbarkeit ausgerichtet, was das Spektrum des Wissens und der kognitiven Kompetenzen einschränkt.
Zuständigkeit und Finanzierung: Staat vs. Wirtschaft
Die Zuständigkeit für das allgemeinbildende Schulwesen liegt bei den Bundesländern, unterliegt staatlicher und demokratischer Kontrolle. Die duale Berufsbildung wird hingegen maßgeblich “korporatistisch” von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen mitgestaltet und oft als Teil der Arbeitsmarktpolitik statt Bildungspolitik betrachtet. Finanziell wird das Schulwesen öffentlich getragen, während die Berufsbildung primär privat durch die Ausbildungsbetriebe finanziert wird. Dies macht das Ausbildungsangebot stark von der wirtschaftlichen Lage abhängig.
Organisation der Lernprozesse: Theorie und Praxis
Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Praxisnähe der Lernprozesse. Allgemeinbildende Schulen sind vom Arbeitsalltag ausgegliedert, während in der Berufsausbildung das Lernen eng mit Arbeitsprozessen verbunden ist. Die Verbindung von Lernen und Arbeiten gilt als Stärke der dualen Ausbildung, da sie die Nützlichkeit des Gelernten erfahrbar macht und die Lernmotivation steigert.
Status der Lernenden und des Personals
Das Ausbildungsverhältnis in der dualen Berufsbildung ist ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis mit Ausbildungsvergütung, im Gegensatz zum öffentlich-rechtlichen Schüler-Verhältnis in der Allgemeinbildung. Auch das Personal unterscheidet sich: professionelle Lehrkräfte im öffentlichen Dienst stehen betrieblichen Ausbildern gegenüber, deren Qualifikation oft auf Berufserfahrung basiert.
Das Bildungsschisma als Reformhindernis
Während interne Reformen in beiden Bildungsbereichen stattgefunden haben, bleibt das grundlegende Problem des Schismas bestehen. Insbesondere wenn bereichsübergreifende Reformen zur Verbesserung des Gesamtsystems angestrebt werden, erweisen sich die etablierten institutionellen Ordnungen und die Interessen der beteiligten Akteure (Sozialpartner, Lehrkräfte, bürgerliche Mittelschichten) als starke Beharrungskräfte, die grundlegende Veränderungen erschweren.
Historische Wurzeln des Bildungsschismas
Die Wurzeln der dualen Berufsausbildung reichen bis in die vorindustrielle handwerkliche Lehre zurück, die im 20. Jahrhundert von der Industrie adaptiert und durch schulische Ergänzung (Berufsschule) ergänzt wurde. Die höhere Allgemeinbildung und Hochschulbildung entwickelten sich hingegen ab dem 19. Jahrhundert im Sinne des neuhumanistischen Konzepts, das auf die Bildung des Menschen “an sich” abzielte und lebenspraktische sowie berufliche Inhalte bewusst ausklammerte. Diese historische Trennung führte zu einer “praxisfernen höheren Allgemeinbildung” und einer “bildungsfernen Berufsbildungspraxis”, deren Auswirkungen bis heute die Schwächen des Bildungssystems prägen und sich auf die gesellschaftlichen Teilhabechancen junger Generationen auswirken.
Bildungsexpansion und das fortbestehende Schisma
Die bildungspolitischen Aufbrüche der 1960er und 1970er Jahre sahen Forderungen nach einer stärkeren Zusammenführung von allgemeiner und beruflicher Bildung. Reformkonzepte wurden entwickelt, stießen jedoch auf den Widerstand der verschiedenen Akteursgruppen. Letztlich blieb das Bildungs-Schisma bestehen und die Bildungsreformen privilegierten die höhere Allgemeinbildung, was zu einem weiteren Zuwachs an Lernenden in diesem Sektor führte. Die systemischen Strukturschwächen der Abgrenzung blieben unberührt, und die sozialen Spaltungen zwischen akademisch und beruflich Qualifizierten verfestigten sich.
Zusätzliche Einblicke in verwandte Themenbereiche finden sich in Beiträgen zu alten und neuen Ungleichheiten in der Berufsbildung, der Europäisierung der Berufsbildung, Qualitätsentwicklung in der betrieblichen Ausbildung, der “Ausbildungsreife” von Jugendlichen sowie der Integration von Geflüchteten ins Bildungssystem.

