Die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland stellt viele Weltpolitiker vor ein Dilemma. Eine Teilnahme könnte als Unterstützung für Präsident Wladimir Putin in Zeiten internationaler Spannungen interpretiert werden, während eine Absage als Politisierung des Sports oder als Illenüberlassung der eigenen Nationalmannschaft gewertet werden könnte. Diese Situation birgt Risiken und Chancen zugleich, wie die deutsche Politik am Beispiel von Bundeskanzlerin Angela Merkel und anderen führenden Politikern zu spüren bekommt.
Die Zwickmühle der politischen Entscheidungsträger
Mehrere Mitglieder des Europäischen Parlaments, darunter die deutsche Grünen-Politikerin Rebecca Harms, haben einen offenen Brief verfasst, in dem sie Staats- und Regierungschefs auffordern, der WM fernzubleiben. Harms argumentiert, dass die Anwesenheit westlicher Politiker von Putin instrumentalisiert werden könnte, um Legitimität für sein Handeln zu gewinnen, insbesondere angesichts der angespannten Lage in Bezug auf die Ukraine, Syrien und den Iran. Sie betont, dass diplomatische Gespräche an anderen Orten und auf anderer Ebene stattfinden sollten. Im Gegensatz dazu wird die Teilnahme an Sportveranstaltungen wie den Olympischen Spielen als Chance für diplomatische Annäherung gesehen, wie die Entwicklungen bei den Winterspielen in Südkorea zeigten.
Dennoch sehen sich Politiker auch mit dem Risiko konfrontiert, den Sport zu politisieren oder ihre Nationalteams im Stich zu lassen. Man könnte sogar von einer verpassten diplomatischen Gelegenheit sprechen. Selbst für eine erfahrene Politikerin wie Angela Merkel bietet eine Weltmeisterschaft eine größere und positivere Bühne als der oft nüchterne Alltag im Kanzleramt. In der Vergangenheit nutzte sie Gelegenheiten, die deutsche Nationalmannschaft zu begleiten, wie ihre Reisen nach Brasilien 2014 belegen. Die WM 2006 in Deutschland trug zudem zu einer frühen Stärkung ihres Profils bei, insbesondere im Ausland.
Trotz des Sieges 2014 war die Weltmeisterschaft für Merkel ein zweischneidiges Schwert in Bezug auf die Öffentlichkeitsarbeit. Zwar erinnern sich die meisten an die Bilder der jubelnden Kanzlerin und des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Doch ebenso intensiv zirkulierten Bilder von Merkel in Begleitung von Wladimir Putin und dem FIFA-Funktionär Sepp Blatter, nur wenige Monate nach der Annexion der Krim und auf dem Höhepunkt des FIFA-Skandals. Die Frage der Sicherheit und des Wohlbefindens der Fans während der WM 2018 in Russland wirft ebenfalls Bedenken auf.
Pläne der teilnehmenden Nationen und Deutschlands
Die genauen Reisepläne von Bundeskanzlerin Angela Merkel waren zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch nicht bestätigt, während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seine Nichtteilnahme erklärte, diese aber nicht als Boykott bezeichnete. Einige andere deutsche Politiker werden die Spiele jedoch besuchen. Das Auswärtige Amt wich einer Frage zu den Plänen von Außenminister Heiko Maas humorvoll aus, indem er betonte, dass Manuel Neuers Teilnahme wichtiger sei. Innenminister Horst Seehofer ist bislang der einzige ranghohe deutsche Politiker, der seine Teilnahme definitiv bestätigt hat. Deutschland unterhält weiterhin enge Beziehungen zu Russland, und sogar ein Freundschaftsspiel zwischen den Parlamenten von Bundestag und Duma ist angesetzt, was die komplexen diplomatischen Verflechtungen unterstreicht. Politiker der Bundestagsfraktion nutzen Fußball, um die Beziehungen zu Russland vor der Weltmeisterschaft zu verbessern.
Andere Länder haben klarere Positionen bezogen:
- Ukraine: Keine hochrangigen Beamten werden erwartet, und Fans wurden zur Nichtanreise aufgerufen.
- Vereinigtes Königreich: Keine Minister oder Mitglieder der königlichen Familie werden teilnehmen, eine Reaktion auf den Anschlag auf Sergei Skripal.
- Island: Premierminister und Präsident bleiben der WM fern, ebenfalls im Kontext des Skripal-Falls.
- Frankreich: Präsident Macron kündigte an, nur bei Erreichen des Halbfinales teilzunehmen.
- Saudi-Arabien: Kronprinz Mohammed Bin Salman wird zur Eröffnungszeremonie reisen.
- Argentinien: Präsident Macri sagte seine Teilnahme aufgrund wirtschaftlicher Turbulenzen ab.
- Brasilien: Präsident Temer hat eine russische Einladung angenommen.
- Belgien: König Philippe wird voraussichtlich mindestens ein Gruppenspiel besuchen, und Außenminister Reynders wird auf direkte Einladung seines russischen Amtskollegen teilnehmen.
- Spanien: Die Pläne von Ministerpräsident Sanchez sind unklar.
- Schweden, Dänemark und Polen: Regierungen erwägen Gerüchten zufolge einen Boykott, haben aber noch keine offizielle Ankündigung gemacht.
Russlands Sport als diplomatisches Werkzeug
Wladimir Putin legt großen Wert auf Sportveranstaltungen im eigenen Land. Sein Verbündeter, Vizepremierminister Witali Mutko, war jahrelang Sportminister und hat maßgeblich dazu beigetragen, die Olympischen Winterspiele, die Formel 1 und die Weltmeisterschaft nach Russland zu holen, trotz immenser Kosten. Putins öffentliche Darstellung als Mann der Tat, der Sportarten wie Judo und Eishockey praktiziert, dient der Stärkung seines Images im Inland. Die Annexion der Krim erfolgte unmittelbar nach den Olympischen Winterspielen in Sotschi, wobei Putin Pläne hierfür bereits kurz zuvor mit seinen Sicherheitschefs besprochen hatte.
Zudem gibt es Bedenken hinsichtlich des Dopings im russischen Sport. Trotz der Vorwürfe im Zusammenhang mit den Spielen in Sotschi hat die FIFA erklärt, keine Beweise für früheres Doping bei der russischen WM-Mannschaft 2018 gefunden zu haben. Rebecca Harms kritisiert auch die Rolle der FIFA bei der Vergabe der WM nach Russland und deren Bemühungen, Skandale herunterzuspielen. FIFA-Präsident Gianni Infantino rief dazu auf, die Politik aus dem Fußball herauszuhalten, eine Haltung, die angesichts der jüngsten Geschichte der FIFA fragwürdig erscheinen mag.
